Woods | So würde ich dich lieben | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Woods So würde ich dich lieben

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-15883-5
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-15883-5
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die bewegende Geschichte einer unabhängigen jungen Frau, die in einer dramatischen Zeit für die Liebe und für das Leben kämpft

New York 1917: Hensley ist eine begabte junge Frau, die sich ein modernes Leben wünscht. Doch der Krieg macht all ihre Träume zunichte, und sie muss ihrem Vater ins einsame New Mexico folgen. Unglücklich flüchtet sie sich in eine Brieffreundschaft mit einem amerikanischen Arzt an der französischen Front. Und obwohl Hensley und Charles ein Ozean trennt, sind sie einander der einzige Halt. Sie wissen, dass sie zusammengehören, doch alles steht gegen ihre Liebe …

Hannah Woods ist das Pseudonym einer mehrfach ausgezeichneten Autorin. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in New Mexico. Zu diesem Roman inspirierte sie die Geschichte ihrer Großeltern.
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Hensley Dench spürt die Bewegung des Zuges tief in ihrem Innern. Räder drehen und Achsen bewegen sich an dunklen Orten, die niemand sehen kann. Sie spürt ihren Rhythmus, ihre Kraft, ihr Vorwärtsstreben. Der zweite Tag ihrer Reise ist angebrochen, sie sind bereits seit neunundzwanzig Stunden unterwegs. New York ist so weit weg, dass es ihr ganz unwirklich vorkommt. Wie der schmutzig schillernde Rest einer Jungmädchenfantasie. Jetzt gibt es nur noch diesen Himmel, ein riesiges tiefblaues Becken. Nachmittags füllt es sich mit Wolken und verbreitet eine düstere, unheilvolle Stimmung, sodass jeder Tag ein tragisches Ende zu nehmen scheint. Sie schlafen in Kojen, ihr Vater und sie, während sich ein Nachthimmel ausdehnt, aus dem es wie aus Kübeln schüttet. Nur um sich dann morgens so blau und optimistisch zurückzumelden, dass es beinahe wehtut.

In diesem Zug reisen Relikte von Soldaten mit, in Brusttaschen verstaute und zwischen sorgfältig zusammengefalteten Pullovern versteckte Fotografien, Briefe, Münzen, Murmeln und Feldflaschen. Jeder Passagier ist entweder entfernt oder eng mit einem jungen Mann bekannt, der gerade in den Krieg zieht. Ihr Vater hat auch so ein Relikt in seiner Manteltasche. Die geschwungenen schwarzen Zeilen in Mr. Charles Reids Handschrift verkünden, dass sein Entschluss unwiderruflich ist. Er möchte wissen, ob Mr. Dench gläubig ist und wenn ja, ob er für ihn beten wird. Wird er für das Seelenheil der Männer beten, die gegen unsichtbare Waffen kämpfen werden?

Ganz am Ende verrät er seinen nächsten Zug. Auch er wird den Damenbauern ziehen. Genau darauf hat ihr Vater gewartet. Er baut das Schachbrett auf wie einen Altar und ordnet die Figuren genauso an wie vor zehn Tagen, als er brieflich seinen letzten Zug gemacht hat.

Er stellt sein Tintenfass neben das Schachbrett und zieht ein Blatt Papier aus seinem Tornister. Hensley hat ebenfalls ein Blatt vor sich liegen. Sie zeichnet Kleider, die sie nicht mehr brauchen wird. Einen schmalen Samtrock, perfekt fürs Theater, der zu einer Lampenschirmtunika und einer langen, einreihigen pechschwarzen Perlenkette getragen wird. Das ist ihre Variante eines Teekleids von Fortuny. Die Tunika ist aus Seidenkrepp und bis auf die Verschlussleiste plissiert. Dort würde sie eine Rüsche einsetzen. Nach einer gewissen Zeit langweilen sie diese Zeichnungen. Sie ist nervös und unkonzentriert.

Hensley stellt sich zwischen zwei Waggons und wirft Stücke des Brötchens weg, das sie vom Mittagessen aufgehoben hat. Das Brot kullert rasch in den Graben neben dem Gleisbett, und sie bekommt einen Adrenalinstoß. Wäre sie ein Soldat zwischen zwei Zugwaggons irgendwo in Europa, ob Russland, Österreich, Frankreich oder Großbritannien, würde sie überlegen, dem Brot hinterherzuspringen. Oder eher einer achtlos weggeworfenen Zigarette, die inzwischen überflüssig geworden ist, ein überwundenes Laster. Sich wild überschlagend, würden sie von der monoton donnernden Maschine ins Reich der Natur katapultiert, wo Würmer, Nager, Wölfe und Schlangen sie unbemerkt zerlegen würden. Sie lassen nicht zu, dass sich Verwesungsgeruch in überfüllte Schützengräben oder gar in Briefe an die Heimat einschleicht.

Wenn ihr Vater schläft, wird Hensley seine Antwort lesen, an Mr. Reids Brief schnuppern und versuchen, den Duft eines Menschen aufzunehmen, dessen Leben nicht von Mutter oder Vater abhängt. Der ein Leben lebt, in dem eigenständige Entscheidungen getroffen werden. Dann wird sie das schwarze Gekrakel ihres Vaters überfliegen und erfahren, was er dem jungen Mann über seinen Glauben mitgeteilt hat.

Gott ist seit jeher ein bloßer Platzhalter für wahren Glauben. Dafür, dass man sich und sein Ego aufopfert und ganz in den Dienst einer diesseitigen, wirklich guten Sache stellt. Gott bläht das Ego des Menschen auf, verleiht ihm mehr Bedeutung, als ihm eigentlich zusteht. Gäbe es tatsächlich einen allmächtigen, allwissenden Gott, würde dieses Wesen nicht dulden, dass der Mensch für ihn spricht. Dass Religion den Glauben über die Vernunft stellt, macht sie für mich unbrauchbar. Gott scheint der größtmögliche Gegensatz zu eigenständigem Denken zu sein, doch genau das ist mir heilig. Aber während ich die Augen schließe und den Maschinen unter mir lausche, bete ich für Ihre körperliche und seelische Unversehrtheit. Ich weiß nicht, zu wem ich bete, aber sollten meine Gedanken irgendeine Wirkung haben, die über meine bescheidene Person hinausgeht, wollen wir dies Gott nennen. Bitte stoßen Sie sich nicht an den ketzerischen Bemerkungen eines alten Mannes.

Sie sollten wissen, dass meine Tochter und ich gen Westen reisen, während Sie sich gerade nach Europa einschiffen. Das Schicksal hat uns nach Hillsboro in New Mexico verschlagen, zumindest für die nächste Zeit. Sie können mir dorthin schreiben, und zwar zu Händen der Ready Pay Mine. Als Nächstes ziehe ich meinen Springer nach C4.

Nicht einmal einem verzweifelten Mann gegenüber, der Angst hat, seine Augen könnten zu einer weichen, schnellen Kost für kotfarbene Ratten werden, sobald ihn die richtige Kugel erwischt, ist Hensleys Vater imstande zu lügen. Hensley kann gar nicht anders, als sich zu schämen. Gleichzeitig hat sie großen Respekt vor seiner Standfestigkeit. Sie hat Mitleid mit Mr. Reid, denn sie weiß, wie sehr selbst sie sich nach tröstenden Worten von ihrem Vater sehnt. Ihre Versuche, ihm etwas Aufmunterndes zu entlocken, bleiben ergebnislos. Sogar auf dieser Reise. Sogar als sie den Zug an der Pennsylvania Station bestiegen haben, als sie in den dunklen Tunnel unter dem Hudson River eingefahren sind und die Skyline nach Verlassen desselbigen immer kleiner wurde. Wie sehr sie sich da gewünscht hat, das ein oder andere ermutigende Wort von ihrem Vater zu hören! Sie weiß nicht mehr über das Ziel ihrer Reise als das, was er Mr. Reid geschrieben hat. Das Bild, das sie von New Mexico hat, stammt aus den Winnetou-Romanen, die ihr Bruder als Kind so geliebt hat. Doch selbst wenn sie in Zelten zwischen Bisons und Mustangs leben sollten, wäre das allemal besser, als Tag für Tag an der Schule vorbeizulaufen, deren breites Tor die Stätte einrahmt, an der ihr das Herz gebrochen wurde.

Während sie den Brief ihres Vaters liest, kann sie es sich nicht verkneifen, ihre eigenen belanglosen Worte an den breiten Rand zu kritzeln, den ihr Vater gelassen hat. Belanglose Worte, die sonnigen Optimismus verbreiten sollen.

Sie werden bald wieder nach Hause zurückkehren, stärker und klüger. Sie kämpfen für uns alle. Ihr Brieffreund ist ein fanatischer Pazifist mit einer toten Ehefrau, einem entfremdeten Sohn und einer missratenen Tochter. Hören Sie nicht auf ihn! Stattdessen sollten Sie fest daran glauben, dass Sie heimkehren werden. Wenn es so weit ist, werden die Gräuel, die Sie jetzt umgeben, Vergangenheit sein. Sie werden sie einfach hinter sich lassen wie ein Zug sein Depot.

Während sie sich die Luft ins Gesicht peitschen lässt, denkt sie an das, was ihr Bruder von den Gräueln an der Front erzählt hat. An heimtückische Gasangriffe, die Gräben mit erblindeten, nach Luft ringenden Soldaten zurücklassen. An eine Umgebung, die so nass und schmutzig ist, dass die Füße der jungen Männer in ihren Stiefeln verfaulen. An fette, französische Ratten, die nachts über die Hände der schlafenden Soldaten hinwegkrabbeln. Was diese Lebewesen wohl über ihr unverhofftes Glück denken? Für diese Nager ist die menschliche Grausamkeit so etwas wie das große Los. Seit Generationen ernähren sie sich ausschließlich von Nüssen und Fallobst, von der einen oder anderen toten Eidechse oder aus dem Nest gefallenen Vogeljungen. Und nun das: eine überwältigende, noch warme, frische, üppige, fantastische Fülle, die sogar Ratten zum Glauben bekehren kann!

Der Schaffner entdeckt sie zwischen den Waggons. Die Brötchenhälfte in ihrer Hand ist völlig zerdrückt.

»Ist Ihnen nicht gut, Miss?«, ruft er über den Lärm des Zuges hinweg.

Sie schüttelt den Kopf. »Ich schnappe nur ein wenig frische Luft.«

»Die Passagiere sollten im Waggon bleiben. Darf ich Sie zu Ihrer Schlafkoje zurückbegleiten? Hätten Sie vielleicht gern ein Selters aus dem Speisewagen?«

Hensley nickt erneut. Er reicht ihr den Arm, wartet, dass sie ihn ergreift. Der Wind kommt von hinten und weht ihr das Haar ins Gesicht, wo es an ihren Lippen kleben bleibt. Sie stellt sich das Glas vor, in das die Umrisse des Zuges eingraviert sind. Die sprudelnden Bläschen.

Sie dreht sich vom Schaffner weg, hält das Gesicht in den Wind und schließt die Augen, sodass alles um sie herum schwarz wird. Sie spürt, wie er näher kommt, er macht sich Sorgen. Ist ihr der Liebeskummer so deutlich anzusehen, dass er befürchtet, sie könnte tatsächlich springen? Dass er mit ansehen muss, wie sie mit seltsam verrenkten Gliedern in einer irrwitzigen Geschwindigkeit den Hang hinunterkullert, während ihr Rock zerrreißt und ihr Blick starr wird? Der Zug hat dermaßen Fahrt aufgenommen, dass man ihn nur schwer zum Anhalten bringen kann. Nicht hier mitten in … ja, wo eigentlich? In Kansas? Illinois? Dann müsste er durch den ganzen Zug bis zum Lokomotivführer eilen, mit Schweißperlen auf der Stirn, wildem Herzklopfen und tauben Fingern, damit die schweren Metallräder zum Stillstand kommen und ein Suchtrupp losgeschickt werden kann, um ihre Leiche zu bergen.

Die Passagiere würden sich wundern und verstimmt über Verspätungen und Inkompetenz klagen. Dann würde sich die Nachricht rasch von Waggon zu Waggon verbreiten. Die Mitreisenden würden ihre Gesichter an die Scheiben pressen, neugierig und verängstigt zugleich. Ein dunkler verschwommener Farbfleck im Gras würde den Frauen kurzzeitig den Atem...


Burkhardt, Christiane
Christiane Burkhardt lebt und arbeitet in München. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und hat neben den Werken von Paolo Cognetti u. a. Romane von Fabio Geda, Domenico Starnone, Wytske Versteeg und Pieter Webeling ins Deutsche gebracht. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Woods, Hannah
Hannah Woods ist das Pseudonym einer mehrfach ausgezeichneten Autorin. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in New Mexico. Zu diesem Roman inspirierte sie die Geschichte ihrer Großeltern.



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