Yonnet | Rue des Maléfices, Straße der Verwünschungen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 445 Seiten

Yonnet Rue des Maléfices, Straße der Verwünschungen


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-88221-452-9
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 445 Seiten

ISBN: 978-3-88221-452-9
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
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Die Geheimnisse von Paris Das 'größte Buch, das je über Paris geschrieben wurde' (Raymond Queneau): eine Art geheime Chronik des alten Paris, ein Kaleidoskop von Begegnungen und Begebenheiten während der Zeit der deutschen Besatzung. Yonnet, der in diesem Buch seine Erfahrungen als Widerstandskämpfer im Pariser Untergrund verarbeitet, findet Phantastisches und Mythisches im Alltäglichen, und schafft das verdichtete Portrait einer Stadt im Ausnahmezustand. Dabei entwickelt der schnelle Rhythmus seiner brüchigen Sprache, versetzt mit Straßenjargon und Lautsprachlichem, einen Sog von großer poetischer Kraft. Das als Meisterwerk gefeierte Buch blieb, neben einigen wenigen Theaterstücken, Gedichten und journalistischen Arbeiten, sein einziges Werk.

Jacques Yonnet (1915-1974) war ein französischer Erzähler, Chronist und genauer Beobachter, leidenschaftlicher Parisforscher und -kenner, Poet, Vagabund und Antikonformist. 'Straße der Verwünschungen' blieb sein einziger Roman.
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KAPITEL I

Eine sehr alte Stadt ist wie eine Sumpflandschaft, mit ihren Farben und Lichtreflexen, ihrer Kühle und ihrem Morast, ihrem Brodeln, ihren Verwünschungen, ihrem verborgenen Leben.

Eine Stadt ist ganz Frau, mit ihrem Verlangen und ihrem Widerwillen, ihrem Überschwang und ihrer Entsagung, ihrer Scham – vor allem ihrer Scham.

Um bis in das Herz einer Stadt vorzudringen, um ihre geheimsten Regungen zu erspüren, muss man mit schier unendlicher Zärtlichkeit vorgehen und mit einer Geduld, die einen manchmal zur Verzweiflung treibt. Man darf sie nur sacht berühren, ohne sie zu bedrängen, sie liebkosen, ohne allzu viele Hintergedanken, dies über Jahrhunderte.

Die Zeit arbeitet für jene, die sich außerhalb der Zeit bewegen.

Der kommt nicht wirklich , kennt seine eigene Stadt nicht, der sich nicht auf ihre Spukgestalten eingelassen hat. Sich von der grauen Öde durchdringen lassen, eins sein mit dem schemenhaften und farblosen Schatten der toten Winkel, Teil der schweißnassen Masse werden, die immer zur selben Stunde aus den Metrostationen, den Bahnhöfen, den Kinos, den Kirchen strömt oder sickert; dem vereinsamten Spaziergänger ebenso ein stiller und diskreter Bruder sein wie dem Träumer in seiner empfind samen Zurückgezogenheit, dem Schwärmer, dem Bettler und selbst dem Trunkenbold: Dies erfordert eine lange schwierige Lehrzeit, eine genaue Kenntnis der Menschen und der Orte, wie sie nur Jahre geduldiger Beobachtung vermitteln können.

Gerade in unruhigen Zeiten bricht das wahre Temperament einer Stadt hervor, umso mehr als Paris aus einem Magma von ungefähr sechzig Dörfern besteht. Seit dreizehn Jahren nun mache ich Aufzeichnungen aller Art, vor allem historiographische, denn das ist mein Beruf. Ich schäle heraus, was im Zusammenhang mit Ereignissen steht, deren Zeuge oder deren ganz und gar unbedeutender Protagonist ich war. Eine Art Scham, eine unaussprechliche Angst hinderte mich bis zum heutigen Tag daran, dieses Werk zu Ende zu bringen.

Vielleicht war es besonderen Umständen zu verdanken, dass die irrationalen Begebenheiten, von denen hier die Rede sein wird, mir als etwas Übernatürliches erschienen – ein Übernatürliches allerdings in Augenhöhe des Menschen.

Noch in den kleinsten Gegebenheiten, den merkwürdigsten Erscheinungen und Spielen des Zufalls entdeckte ich eine solch strenge Logik, dass ein ständiges Bemühen um die Wahrhaftigkeit des Darzustellenden mich dazu zwang, häufiger, als es vielleicht nötig gewesen wäre, mich selbst auftreten zu lassen. Doch es war von Bedeutung, die Epoche historisch zu verorten, und ich habe diese Epoche intensiver erlebt als viele andere, ich war ihr mit Haut und Haaren verfallen. Im Übrigen wäre es mir niemals in den Sinn gekommen, ein persönliches Abenteuer zu erzählen, wenn ich nicht erkannt hätte, wie eng es mit jenem unendlich komplexeren und interessanteren Abenteuer der Stadt selbst verknüpft ist.

Es geht hier keineswegs um erfundene Personen, noch um Geschichten, die allein der Vorstellungskraft des Erzählers entstammen – der ebenso gut irgendein anderer hätte sein können.

Möge man in diesem Buch also nicht das besorgniserregendste, sondern das besorgteste aller Zeugnisse erkennen.

1941

Hat man einmal die Insel und die beiden Flussarme überquert, verändert die Stadt ihr Gesicht. Auf dem begrünten Platz, an der Stelle der alten Morgue, wurden Steine verschiedenen Alters aufeinandergesetzt und zementiert, die sich nicht ausstehen können. Sie hassen sich stumm. Ich leide darunter genauso wie sie. Es ist mir unbegreiflich, dass niemand das bedacht hat.

Die Seine schmollt mit mir. Sie zieht das gleiche Gesicht wie damals, als ich nach einer Reise, die für meinen Geschmack etwas zu lange gedauert hatte, zurückkam, um sie zu begrüßen. Sie ist keine einfache Geliebte.

Es wird ein harter Winter. Auf dem Pont de la Tournelle sind schon Möwen, dabei ist erst September.

Im Juni 1940 wurde ich in Boult-sur-Suippe verwundet und gefangengenommen. Ich erfuhr, dass die Deutschen mich als radikalen Journalisten enttarnt hatten. Ich flüchtete bei der ersten Gelegenheit.

Ich verfüge über etwas Geld. Genug, um zwei Wochen davon zu leben, vielleicht auch drei. Doch an Ausweispapieren besitze ich nur den Wehrpass von Unteroffizier Ybarne, einem Priester ohne Angehörige, der in meinem Lager starb – und einen Entlassungsschein auf denselben Namen, den ich mir zusammengebastelt habe.

Ich weiß nicht, ob ich eines Tages meinen eigenen Familiennamen wieder annehmen kann. Ich muss mich unentwegt vor den Patrouillen und Razzien in Acht nehmen, vor allem vor denen der französischen Polizisten.

Ich weiß noch nicht, wo ich schlafen werde. Es fehlt mir nicht an zuverlässigen Freunden: ein gutes Dutzend. Ich bin unter ihren Fenstern herumgeschlichen, doch jedes Mal hat mich der Mut verlassen, sie aufzusuchen.

Ich habe mit großen Schritten das Ghetto hinter dem Hôtel de Ville durchquert. Ich kenne dort jede Straße und jedes Haus, Stein für Stein. Enttäuscht, fast wütend bin ich wieder weggegangen. Es weht ein Hauch von Hoffnungslosigkeit, von Einwilligung, von Selbstaufgabe. Ich wollte eine energiegeladenere Luft einatmen. Ein gebieterisch drängender Instinkt lenkte meine Schritte ins Quartier Maubert mit seinem geheimnisvollen Lächeln. Die Rue des Grands-Degrés zieht mich magisch an. In mir steigt auf einmal die Gewissheit auf, dass ich dort eine freundschaftliche Hand drücken werde.

Die kleine grüne Bretterbude (nicht einmal drei Quadratmeter) ist das »Ladengeschäft« von Cyril, dem Uhrmachermeister. Geboren in Kiew, Gott weiß wann.

Die alte Georgette, die Wäscherin, eine der Rangältesten der Maube, die noch das Château-Rouge und das Père Lunette gekannt und den Durchbruch der Rue Lagrange erlebt hatte, hatte mir 1938 erzählt: »Großartig der Bursche. Ich hab fast siebzig auf dem Buckel und kenn ihn mein Leben lang. Repariert Wanduhren und verhökert dicke Taschenuhren zu ’nem Spottpreis. Macht nie Ärger. Manchmal ändert er seinen Namen. Sagt, das ist sein gutes Recht. Das ist bestimmt die vierzehnte Puppe, die er sich genehmigt. Mehr als die Hälfte der andern hat er schon begraben. Sieht immer noch frisch aus. Geht mir nicht in die Birne.«

Das war allerdings eigenartig. Dringlichere Angelegenheiten hatten mich damals davon abgehalten, dem »Fall« Cyril mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Und dann treffe ich ihn einige Zeit später in einem Bistro und erzähle ihm die Geschichte – die ich gerade rekonstruiert hatte – des Gebäudes, an das sich seine Bude lehnt:

Ein Oberst des Kaiserlichen Heeres – noch aus der Zeit, als alle Oberste tapfer waren – hatte bei Austerlitz ein Bein verloren. Dieser Umstand rechtfertigte seine Versetzung in den Ruhestand. Der Offizier ersuchte den Kaiser um die Erlaubnis, in Begleitung seines Pferdes, mit dem er in inniger Freundschaft verbunden war, nach Paris zurückzukehren. Der Kaiser hatte gerade einen guten Tag. Er willigte ein.

Oberst und Pferd kauften jenes Haus und ließen es um eine Etage aufstocken. Zum Anwesen gehört ein großer, mit Sandstein gepflasterter Hof. Dort errichtete man mit hohem Kostenaufwand eine riesige Tränke. Denn Seine Exzellenz das Pferd pflegte regelmäßig ein Bad zu nehmen und konnte seinen Durst nur mit fließendem Wasser stillen. Des Obersts Vermögen und seine Rente reichten nicht aus, um die drei oder vier Männer zu entlohnen, die mit ihren Wassereimern zwischen der Seine und dem versiegenden Strom des sybaritischen Hottepferdchens hin- und hersausen mussten. Oberst und Reittier hauchten gleichzeitig ihren Geist aus, der eine an der Brust des anderen.

Das versetzte Cyril in blendende Laune. Wir tranken viel und wurden saugute Kumpel.

Cyril hat mir einen Unterschlupf gezeigt. Er führte mich in die Rue Maître-Albert. Eine Straße, die im Bogen zum Quai hinunterführt. Bei Pignol – eine Spelunke – ist es winzig und proppenvoll. Man futtert dort bei geschlossenen Fensterläden.

Stunde für Stunde kommt die wutschnaubende Patrouille die Straße herauf. Schon von weitem kündigen sich ihre Stiefel an. Es klingt, als ob ihnen der Asphalt bei jedem hallenden Schritt Scheiße antworte. Sobald sie um die Ecke kommen, löschen wir das Licht und halten das Maul. Sie verstehen sich aufs Schänden. Sie dringen mit einer Riesenangst im Leib in die feindliche Nacht ein, so wie man eine Frau, die sich verweigert, mit Gewalt nimmt.

Stromausfall. Das kommt in diesen Zeiten wohl häufig vor. Die Wirtin, Pignolette – die einzige, der mich Cyril vorgestellt hat –, zündet Kerzen an. Ich betrachte also das Gesicht des Uhrmachers, der bei normalem Licht allerhöchstens wie vierzig wirkt.

Unzählige parallel verlaufende, außergewöhnlich feine Fältchen durchziehen jeden Millimeter seiner Haut. Er sieht aus wie mumifiziert. In meinem Gedächtnis geistern wieder die Äußerungen der alten Georgette herum. Cyril hat mich dazu gebracht, ihm von meiner Odyssee zu berichten. Nun ist er an der Reihe.

Er hatte sich unter falschem Namen bei der Fremdenlegion verpflichtet und von Anbeginn der Kampfhandlungen das unverschämte Glück gehabt, sich nicht umsonst zu schlagen. Kriegsverdienstkreuz und...


Jacques Yonnet (1915-1974) war ein französischer Erzähler, Chronist und genauer Beobachter, leidenschaftlicher Parisforscher und -kenner, Poet, Vagabund und Antikonformist. 'Straße der Verwünschungen' blieb sein einziger Roman.



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