E-Book, Deutsch, 307 Seiten
Zimmermann Kranzgeld
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-577-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 307 Seiten
ISBN: 978-3-96655-577-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Irene Zimmermann wurde in Ravensburg geboren und studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Freiburg. Seit Mitte der neunziger Jahre schreibt sie Kinder- und Jugendbücher, die in insgesamt vierzehn Sprachen übersetzt wurden und von denen es viele auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft haben. Inzwischen hat sie sich erfolgreich historischen Romanen zugewandt, in deren Mittelpunkt bewegende Frauenschicksale stehen. Von Irene Zimmermann erscheinen bei dotbooks die historischen Romane der Oberschwaben-Saga »Kranzgeld« und »Sündenzoll«, sowie der humorvolle Roman »Wer braucht ein Ziel, um anzukommen?«
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Kapitel 1
Kein Windhauch, nichts. Nur ein makellos blauer Frühlingshimmel, der sich über dem Land wölbte, in einem Blau, das Marie so durchdringend erschien wie selten zuvor; lediglich ein aufmerksamer Beobachter hätte in den wenigen Quellwolken, die sich fern am Horizont gebildet hatten, das drohende Gewitter erahnt. Der jungen Frau bereitete es Mühe, den Blick zu wenden; wieder und wieder schaute sie nach draußen, auf blühende Apfelbäume, sah den Lerchen nach, die voller Lebenslust über die Felder flatterten, und konnte sich erst losreißen, als sie schlurfende Schritte im Obergeschoss hörte und kurz darauf die heisere Stimme von Ellis auf dem Flur, ob die Pasteten denn endlich fertig seien, sie wisse doch, dass die Hochzeitsgäste in Kürze …
»Ja, ja, gleich«, murmelte Marie und lauschte noch einen Augenblick lang angestrengt, bevor sie das Küchenfenster endgültig schloss. Vom Dorf herauf glaubte sie Musik zu hören. Walzerklänge vielleicht, wie Josef sie damals gesummt hatte, als er ihr die neuesten Tanzschritte aus der Stadt zeigte. Er hatte behutsam ihre Taille umfasst, im Obstgarten, als sie Kirschen pflückte, an jenem Sommertag, an dem der Himmel von ebenso tiefem Blau gewesen war wie jetzt, und sie zum ersten Mal geküsst. Damals … Marie lächelte bitter, während sie eine Pastete neben die andere auf das Blech setzte.
»Die Glocken!«, verkündete Ellis, die jetzt in die Küche trat und das Fenster sofort weit aufriss. Sie lehnte sich nach draußen und kniff die Augen zusammen, als könnte sie so bis nach Aulendorf hinunterschauen. »Hörst du’s? Beim Herrgott, jetzt sind sie Mann und Frau.«
Plötzlich fröstelnd, schloss sie das Fenster wieder, bekreuzigte sich und wandte sich Marie zu, die unter Ellis’ missbilligendem Blick hastig ihren schweren Zopf feststeckte, der sich wie so oft gelöst hatte, das Blech aufnahm und es nach draußen trug. Dort wartete der kleine Leopold bereits ungeduldig darauf, es in die Bäckerei zu bringen. Er kam aus dem Ort, war ein kluges Kind. Aber er sollte besser die Schule besuchen, wie oft hatte Marie ihm das schon gesagt. Doch fast jeden Tag sah sie ihn auf dem Hof herumlungern, immer auf der Suche nach Arbeit, mit der er sich ein paar Pfennige verdienen konnte.
»Beeil dich, es pressiert!«, sagte Marie und drückte dem mageren Buben ein Geldstück in die Hand.
Sonst hatte er das Geld immer erst bekommen, wenn er die Pasteten, gebacken und herrlich duftend, wieder zurückbrachte. Aber an diesem Tag galten die üblichen Regeln nicht – und mit diesem Tag würde ohnehin alles anders werden. Marie griff ein zweites Mal in ihre Schürzentasche und holte ein weiteres Geldstück heraus. Voller Erstaunen sah Leopold sie an, ließ dann aber auch diese Münze sofort in seiner Hosentasche verschwinden.
»Gib gut auf dich acht!«, mahnte Marie und widerstand der Versuchung, ihm über den kurzgeschorenen Kopf zu streichen, ihm ins Ohr zu flüstern, dass er nicht traurig sein solle, dass es so alles seine Richtigkeit habe. Stattdessen sagte sie: »Los, auf was wartest du noch?«, und es klang härter, als sie es gewollt hatte.
Leopold runzelte die Stirn, vielleicht hatte sein älterer Bruder ja doch recht mit der Behauptung, kein Mensch könne die Weiber verstehen. Aber dann marschierte er los, das riesige Blech mit beiden Händen umklammert. Am Kuhstall wich er geschickt Hilde, der neuen Magd, aus, drehte sich nochmals um, rief, er werde sich auch ganz bestimmt beeilen!
Aber Marie hatte sich bereits umgewandt und ging wortlos ins Haus zurück. Das Sprechen fiel ihr schwer, was nicht allein von den Schmerzen kam, die immer stärker wurden. Nur mit großer Anstrengung schaffte sie die steile Treppe nach oben in die Mägdekammer. Dort tauschte sie ihre dunkelblaue Schürze, die vom Mehl eingestäubt war, gegen ihre einzige weiße aus, die sauber und frisch geplättet auf dem Bett lag, das sie sich mit Ellis teilte.
Schwerfällig kniete Marie sich nieder und holte unter dem Bett das kunstvoll gearbeitete Holzkästchen hervor, das Josef ihr in schöneren Tagen geschenkt hatte. Kaum merklich zitterten ihre Hände, als sie den Deckel aufklappte und ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt Papier herausnahm, das sie mit einem Seufzer in ihre Schürzentasche steckte. Mühsam zog sie sich dann am Bett hoch. An der Tür warf sie einen letzten Blick in die dunkle Kammer zurück, die in den vergangenen Jahren ihr Zuhause gewesen war.
Währenddessen, auf drei Kutschen verteilt, kam die kleine Hochzeitsgesellschaft näher. Im Landauer Josef Gsellhuber, ein großer, schlanker Mann in der Hochzeitstracht, die dunklen Haare nicht mehr wild und lockig wie noch am gestrigen Nachmittag, sondern zurückgekämmt und in der Mitte gescheitelt, mit teurer Pomade gebändigt. Neben ihm Fanny, seit wenigen Minuten die junge Gsellhuberin, mit irrlichternden Augen, ihrer neuen Rolle als Gutsherrin noch unsicher.
Als die Kutsche auf den Weg einbog, der durch den Wald zum Hof führte, sah es einen Moment lang so aus, als wolle Fanny nach Josefs Hand greifen, aber seine versteinerte Miene ließ die junge Frau dann nur eine ungefähre Bewegung durch die Luft machen.
Ihre Mutter, die schwer atmend gegenübersaß, warf ihr einen unwilligen Blick zu, der zu sagen schien: Dumme Gans, lass das, du hast doch das Ziel erreicht! Ihr neues Besuchskleid aus dunkelbraunem Wollmusselin spannte über ihrem gewaltigen Busen, an den sie ihr Gebetbuch gepresst hielt, als könne das ihre Kurzatmigkeit lindern.
»Wenn dein Vater diesen Tag noch erlebt hätte«, stieß sie jetzt hervor, um das lastende Schweigen in der Kutsche zu unterbrechen, und schloss, als keine Antwort kam, beleidigt die Augen.
Seit ihrem verschreckten Ja vor dem Traualtar hatte Fanny kein einziges Wort mehr gesagt. Ihr war übel vor Aufregung, den ganzen Morgen schon, und durch das Gerumpel über die Feldwege und die schlechte Luft in der Kutsche wurde es immer schlimmer. Die Mutter hatte trotz des schönen Wetters darauf bestanden, während der Fahrt das Verdeck des Landauers geschlossen zu halten, denn Zugluft galt ihr als Quelle allen körperlichen Unwohlseins. Fanny seufzte, um im nächsten Moment entsetzt aufzuschreien.
Das Gefährt war auf einmal ins Schlingern geraten, und vorn auf dem Bock brüllte der Fessler Lorenz, den der Gsellhuber ab und zu als Mietkutscher beschäftigte, obwohl er gern ein Glas zu viel trank, unflätige Schimpfwörter. Die Pferde wieherten auf, und ruckartig kam der Wagen schließlich zum Stehen. Der Pfarrer, der bislang reglos neben Fannys Mutter gesessen hatte, tätschelte beruhigend deren Hand, sah dabei zum Gsellhuber hinüber, Ungeduld und Unverständnis im Blick. Schließlich machte er kopfschüttelnd Anstalten, auszusteigen, um nachzuschauen, was vorgefallen war. Er hatte bereits die Hand an der Tür, da erwachte Josef endlich aus seiner Erstarrung. Er murmelte etwas, öffnete den Schlag und steckte den Kopf hinaus, woraufhin das Fluchen auf dem Kutschbock augenblicklich verstummte.
»Eine Verrückte!«, ereiferte Lorenz sich. »Rennt mir vor die Gäule, als sei der Teufel hinter ihrer Seele her!« Bei diesen Worten bekreuzigte er sich, knallte heftig mit der Peitsche, und die Pferde preschten los, die Anhöhe zum Gutshof hinauf, einem stattlichen Gebäude mit tief herabgezogenem Walmdach und dunkelgrünen Fensterläden. Von fern war leises Donnergrollen zu hören.
»Ja, ja, der Schnaps bringt viel Unheil«, murmelte nach einer Weile die Alte in der Kutsche. »Da sieht einer leicht Gespenster.«
Der Pfarrer nickte zustimmend, aber ein Gespräch ergab sich daraus auch nicht.
Marie blickte dem Gefährt nach, bis der Staub sich legte. Ihr Puls raste, doch gleichzeitig war sie erleichtert.
Vor Jahren war die junge Magd vom Peterhof durch eine Chaise zu Tode gekommen, ein tragischer Unfall – aber ob es wirklich ein Unfall gewesen war, das wusste niemand so genau. Genüsslich hatte Ellis davon berichtet, während sie mit geübten Bewegungen den Teig für den Hefezopf ausrollte, die Füllung darauf verstrich und dabei wieder und wieder jede grausige Einzelheit beschrieb.
»Ich danke dir, Herrgott, dass du mich davor bewahrt hast«, flüsterte Marie und war einen Moment lang fast glücklich, dass sie sich nicht vor den Wagen geworfen hatte. Es war nur ein flüchtiger Gedanke gewesen. Sie sah sich um. Womöglich würden ja noch weitere Kutschen folgen, und, wer weiß, vielleicht würde jemand sie erkennen in ihrem Zustand, womöglich sogar anhalten, fragen, was los sei. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als abseits des Weges zu gehen, so schwer ihr das auch fiel. Denn die Schmerzen waren stärker geworden. Es würde nicht mehr lange dauern, das ahnte sie.
Als sie an einem Feldkreuz vorbeikam, fiel ihr ein, dass sie nicht einmal mehr das Grab der Mutter besucht hatte. Wer würde sich in Zukunft darum kümmern? Der Vater bestimmt nicht. Ihn hatte sie vor Jahren zum letzten Mal gesehen, damals, bei der Beerdigung der Mutter. Schon drei Monate später hatte er wieder geheiratet und Marie als Magd weggegeben. Zwei Frauen im Haus tun nicht gut, hatte er gesagt, als er ihr die Tür wies.
Marie stieß ein wildes Stöhnen aus, vor Schmerz und vor Wut. Sie keuchte, als sie den Abhang zum See hinunterstolperte, zerkratzte sich die bloßen Arme im Himbeergestrüpp, spürte es kaum, hatte schließlich nur noch den einen wirren Gedanken, es zu schaffen, bevor es zu spät war.
»Heilige Mutter Gottes, verzeih mir«, wiederholte sie immer wieder.
Als sie ihr Ziel erreichte, war das Wetter umgeschlagen. Der See lag in Erwartung des Gewitters dunkel und drohend da, schwer lastete der Himmel über allem, sogar der Gesang der Vögel war verstummt. Marie stand am Ufer, griff in ihre Schürzentasche, holte das Blatt...