Abdel-Samad | Aus Liebe zu Deutschland | E-Book | sack.de
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Abdel-Samad Aus Liebe zu Deutschland



Ein Warnruf

2. 1. Auflage 2020, 224 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-423-43783-7
Verlag: dtv
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Abdel-Samad Aus Liebe zu Deutschland

Der SPIEGEL-Bestseller jetzt im Taschenbuch
Deutschland hat eine Tradition der Aufklärung – und eine der Inhumanität. Demokratie, Meinungsfreiheit, Pluralität haben uns die Alliierten gebracht. Es ist an der Zeit, sich dieser Werte bewusst zu werden und dafür einzustehen. Kaum jemand weiß besser als Hamed Abdel-Samad, welches hohe Gut die in Deutschland gelebte Liberalität ist. Er beobachtet aber seit Jahren eine toxische Tendenz des öffentlichen Klimas, die freie, streitbare Diskursethik, Grundlage jeder demokratischen Auseinandersetzung, gegen eine engstirnige und antiaufklärerische Gesinnungsethik einzutauschen. Es bedarf vielleicht eines zugewanderten Deutschen, der seinen Landsleuten klarmacht, wie kostbar und wie wenig selbstverständlich diese Errungenschaften sind.

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Einführung
In diesem Jahr feiert Deutschland dreißig Jahre deutsche Einheit. Auch für mich ist dieses Jahr ein besonderes. Meine Ankunft in Deutschland jährt sich zum 25. Mal. 1995 betrat ich, aus Ägypten kommend, erstmals deutschen Boden. Seitdem ist viel passiert. Mit mir, mit Deutschland und mit meiner Beziehung zu diesem Land. Ich wurde ein freier Mensch, der sich aus der Umklammerung der Religion mit all ihren Zwängen lösen konnte. Ich wurde ein freier, aber auch unbequemer Denker, ein freier, aber auch ein bedrohter Schriftsteller, der von Personenschützern begleitet werden muss. Das Land wurde in den vergangenen 25 Jahren bunter, diverser, liberaler. Und dann langsam immer polarisierter. Aus der Polarisierung wurde mit der Zeit eine tiefe Spaltung. Eine Spaltung, die zunehmend den gesellschaftlichen Frieden bedroht und die Errungenschaften dieses Landes gefährdet. Meine Beziehung zu Deutschland verlief in mehreren Etappen: Da waren zunächst die Faszination und das Interesse an diesem Land aus der Ferne, ich war ein Betrachter von außen. Dann kam die Hoffnung auf einen Neubeginn in diesem Land, gefolgt von Überforderung, Skepsis und Enttäuschung. Auf Angst und Hadern folgte langsam das Verstehen, das Bekenntnis zu Deutschland, die Identifikation mit seinen Wunden wie mit seinen Erfolgen, mit seiner Geschichte, seinen Stärken und Schwächen und mit seinen Werten. Diese letzte Stufe der Entwicklung meiner Beziehung zu Deutschland mündete in Liebe und Verbundenheit, trotz aller Probleme, die das Land hat, und die umgekehrt auch ich mit diesem Land immer noch habe. Ich liebe dieses Land mit all seinen Fehlern, Brüchen, Widersprüchen und Narben. Ich unterscheide nicht zwischen einem hellen und einem »Dunkeldeutschland«, nicht zwischen »Gutmenschen« und Patrioten. Ich suche mir aus der Geschichte keine dunklen Jahre und keine Sternstunden heraus, um Deutschland daran festzumachen oder es darauf zu reduzieren. Deutschland ist das Produkt all dessen, was auf seinem Boden geschah, und es ist die Summe aller Menschen, die hier leben. Es gibt für mich nur ein Deutschland, das viele Gesichter hat und viele Widersprüche in sich vereint. Diese Widersprüche zu verstehen, sie auszuhalten und daran zu wachsen, macht für mich persönlich Deutsch-Sein aus. Vielleicht sind es gerade diese Widersprüche, die Deutschland für mich zu einem Land der Inspiration und der Hoffnung machen. Früher hatte ich fast jeden Tag ein neues Bild von Deutschland und den Deutschen. An guten Tagen, an denen ich mit mir und mit meinen Leistungen zufrieden war, erschienen mir die Deutschen zuvorkommend, höflich und weltoffen. An Tagen, an denen ich mit mir und mit meinem Leben haderte, waren sie arrogante Rassisten, die unter sich bleiben wollten und ein Problem mit Ausländern hatten. Kam ich gerade aus Ägypten zurück, waren die Deutschen für mich viel zu hektisch und zu durchorganisiert. Kam ich aber aus Japan zurück, erschienen sie mir eher langsam und unpünktlich. Erlebte ich sie bei der Arbeit, wirkten sie mir zu ernst und verbissen. Traf ich sie beim Spaziergang im Wald, waren sie gelöst und aufgeschlossen. Ich vermochte nicht, sie zu greifen, so unterschiedlich erschienen mir diese Deutschen, je nach Ereignis oder Situation. Dass dabei auch ich, meine Ängste und Unsicherheiten, eine Rolle spielten, kam mir lange nicht in den Sinn. Ich sah, was ich bestätigt sehen wollte, im Positiven wie im Negativen. Erst als ich aufhörte, Deutschland als Projektionsfläche für meine eigenen Ängste und für meine Unzufriedenheit zu nutzen und überzogene Erwartungen zu hegen, entdeckte ich erstaunliche Sachen – über dieses Land und über mich selbst. Ich stellte fest, dass Deutschland mir sehr ähnlich ist. Wir haben beide einen sehr langen Weg zu uns selbst zurückgelegt. Ein Weg, der von Selbstüberschätzung, Zerrissenheit, Wut, Aggression, Selbsthass und Schuldgefühlen, aber auch von Selbstkritik, Selbstverantwortung und Selbstüberwindung gekennzeichnet ist. Wir haben beide eine Art frühkindliche Störung und ein Trauma erlitten, das bis heute posttraumatische Verhaltensstörungen mit sich bringt. Wir waren beide lange stark auf das Unheil in unserer Geschichte fixiert und versuchten, auf seinen Trümmern eine Identität und ein Wertesystem zu errichten, das sich vor allem in Abgrenzung zum Vergangenen definiert. Wir neigten beide in der Vergangenheit dazu, von einem Extrem ins nächste zu wechseln. Aber wir beide wagten es auch, uns für die westlich-freiheitliche Lebensweise zu öffnen, obwohl unsere früheren Identitäten gleichsam als Antithese dazu galten. Wir wagten beide den Wandel und zerbrachen nicht an den Veränderungen, obwohl wir immer noch verwundbar sind. Wenn ich heute sage: »Ich bin Deutschland«, dann meine ich das auf einer anderen Ebene als viele Menschen, die sich mit Deutschland identifizieren. Es ist für mich nicht Ausdruck von Nationalismus oder Patriotismus, sondern Ausdruck der vielen gegensätzlichen Erfahrungen, die dieses Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Und wenn ich sage: »Ich liebe Deutschland«, dann ist das in gewisser Weise auch ein Liebesbekenntnis an mich selbst. Deshalb wird dieses Buch auch zwischen politisch-historischer Analyse und Berichten über meine persönlichen Erlebnisse in und mit Deutschland wechseln. Ich habe in den vergangenen 25 Jahren Deutschland aus zwei Perspektiven kennengelernt. Aus der des Ausländers, der sich zunächst durch die Beschäftigung mit den üblichen Kulturklischees Zugang zur deutschen Identität verschaffen wollte: Ich hörte Wagner und Beethoven, probierte Schwarzbrot und Hefeweizen, lauschte Volksliedern, beschäftigte mich mit Goethe und Schiller, mit der wechselvollen Geschichte, mit Fußball und dem Wald. Je länger ich hier lebte, umso mehr wechselte die Außensicht einer Innensicht. Ich versuchte zu verstehen, was die »deutsche Seele« ausmachte. Heute bin ich deutscher Staatsbürger, mein Wissen über dieses Land ist in Teilen erlebt, in Teilen durch die Beschäftigung mit Literatur, Philosophie und geschichtlichen Werken »erlesen«. Weil ich in einer anderen Kultur sozialisiert wurde, habe ich mit manchen Dingen weniger Probleme als meine deutschen Freunde. Mit Begriffen wie Nation, Identität, Heimatliebe oder dem, was gemeinhin als deutsch gilt. Ich habe aber auch kein Problem damit, das Wertesystem und die Errungenschaften dieses Landes als etwas sehr Positives hervorzuheben und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Konzepts für das Zusammenleben zu betonen. Wenn westlich-liberale Wertvorstellungen mit dem Verweis auf Multikulturalismus ausgehebelt werden, habe ich damit ein Problem. Ich möchte Ihnen, liebe Leser, mein Deutschland näherbringen. Ich will Ihnen erklären, was ich an diesem Land so schätze, will Ihnen aber auch meine Sorgen über das, was gerade in Deutschland geschieht, nicht vorenthalten. Ich halte es für meine Bürgerpflicht, meine Gedanken über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft dieses Landes mit anderen auszutauschen – als Teil eines Dialogs, der dringend nötig ist, um die gegenwärtigen Herausforderungen zu meistern. Alle, die diesen ehrlichen Dialog durch Demagogie, Gesinnungsethik, Moralisierung, Maulkörbe und Denkverbote behindern, fügen dem Land großen Schaden zu und hindern es daran, seine Potenziale zu entfalten. Ich habe diesem Buch den Titel »Aus Liebe zu Deutschland« gegeben. Aus Dankbarkeit für die Freiheit, die ich hier genießen darf, aber auch aus Sorge um den inneren Frieden und die Errungenschaften dieses Landes, die wir nicht leichtfertig verspielen sollten. Wir müssen gewappnet sein, um Gefahren von außen wie von innen abwehren zu können. Dafür müssen wir uns aber bewusst werden, was Deutschland wirklich ausmacht. Was Deutsch-Sein bedeutet und was Deutschland – über die Zeitläufte hinweg – im Innersten zusammenhält. Wir müssen uns die Frage stellen, woher plötzlich die starke Polarisierung kommt, die unsere Gesellschaft spaltet und lähmt. Wir müssen uns fragen, welche Werte für uns noch unverrückbar sind und wie wir mit dem gewachsenen Einfluss von Islamisten umgehen. Und wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie es zu dem starken Aufschwung von Populisten und Rechten kommen konnte und welche Rolle die Diskursverengung durch die politische Linke dabei spielt. Es gibt ein ganzes Bündel an Fragen, auf die ich versuchen möchte, eine Antwort zu finden. Manche stehen für sich, andere hängen miteinander zusammen, sind Folge von oder bedingen einander. Die dahinterliegenden Probleme aber können – ungelöst – alle eine toxische Wirkung für die Gesellschaft entfalten. Es geht um Fragen, wie die folgenden: Wie kam es zu dieser vergifteten Streitkultur einerseits und zum Schweigen der vielen in der Mitte andererseits? Ist die Meinungsfreiheit wirklich in Gefahr, oder glauben viele Deutsche immer weniger an Freiheit und Demokratie? Warum wird das Land immer attraktiver für Migranten und Flüchtlinge, während gebildete Eliten und qualifizierte Fachkräfte einen Bogen um Deutschland machen? Warum finden viele eine Willkommenskultur gut, eine Leitkultur aber dumpf, nationalistisch und rassistisch? Tatsächlich haben wir viele Sub-Leitkulturen, die ideologisch den Ton bei den Debatten angeben, wie etwa die linksliberale, die rechtskonservative und auch die islamische, die jede für sich Exklusivität und Allgemeingültigkeit zugleich beanspruchen. Wir brauchen stattdessen eine gesamtdeutsche Leitkultur, die auf gemeinsamen Werten, nicht auf ideologischen oder gar religiösen Fundamenten basiert. Eine Leitkultur, die das Verbindende betont, statt das Trennende zu feiern. Ohne diese Leitkultur macht eine Willkommenskultur keinen Sinn, denn eine unsichere Identität lädt diejenigen, die...


Abdel-Samad, Hamed
Hamed Abdel-Samad, geboren 1972, studierte Sprachen und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft in Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur in München, er war Mitglied der Deutschen Islam Konferenz. Seine Bestseller sorgen für Aufsehen: ›Aufklärung durch Tabubruch.‹ (ZDF-Aspekte). Wegen seiner Tabubrüche wurde 2013 eine Fatwa gegen ihn verhängt, seither lebt er unter permanentem Polizeischutz.


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