C.H.BECK | Von der Freundschaft | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 8, 143 Seiten

Reihe: Great Ideas = Kleine Bibliothek der Weltweisheit

C.H.BECK Von der Freundschaft


8. Auflage 2016
ISBN: 978-3-406-70306-5
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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Reihe: Great Ideas = Kleine Bibliothek der Weltweisheit

ISBN: 978-3-406-70306-5
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Format: EPUB
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Kreisrund ist der Raum im dritten Stockwerk des Schlosses von Montaigne. Hier ließ der Herr des Hauses seinen Geist in sich selbst kreisen, gerichtet auf das eigene Innere.
Der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533-1592) geht in diesen Essays den Tugenden und Schwächen der Menschen nach. Dem Geist der Renaissance verpflichtet, zeichnet er ein Bild des Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit und plädiert für eine ruhige und gelassene Lebensführung und eine unvoreingenommene Hinwednung zum Mitmenschen.

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Von der Freundschaft
Indes ich einen Maler, den ich bei mir habe, bei der Verrichtung seines Werkes beobachtete, kam mich die Lust an, ihm darin zu folgen. Er wählte die beste Stelle in der Mitte jeder Wand, um darauf mit seinem ganzen Können ausgearbeitete Gemälde zu setzen; und die leeren Stellen rundum füllte er mit Grotesken, das sind phantastische Malereien, deren Anmut nur in ihrer Abwechslung und Wunderlichkeit liegt. Was ist dies hier in Wahrheit auch anderes als Grotesken und Zerrgebilde, aus verschiedenen Gliedern zusammengestückt, ohne bestimmte Gestalt, ohne andere als zufällige Ordnung, Folge und Verhältnis? Desinit in piscem mulier formosa superne[1]. Ich halte wohl in diesem zweiten Teil mit meinem Maler Schritt, aber im andern und bessern Teil bleibe ich stecken; denn mein Können geht so weit nicht, daß ich es wagen würde, ein reiches, ausgefeiltes und nach den Regeln der Kunst gebildetes Gemälde zu beginnen. Ich bin darauf verfallen, eines von Etienne de la Boëtie zu entleihen, das den ganzen Rest dieser Arbeit ehren wird. Es ist eine Schrift, der er den Titel gab: «Die freiwillige Knechtschaft»; aber jene, die ihn nicht kannten, haben sie seitdem sehr füglich in «Wider Einen» umgetauft. Er schrieb es als Versuchsstück in seiner frühesten Jugend zur Ehre der Freiheit wider die Tyrannen. Es geht seit geraumer Zeit unter den verständigen Männern von Hand zu Hand, nicht ohne großen und verdienten Ruhm: denn es ist hochgesinnt und so gehaltvoll wie nur möglich[2]. Und doch ist es weit davon, daß es das Beste wäre, was er hätte schreiben können; und wenn er in dem fortgeschritteneren Alter, in dem ich ihn gekannt habe, einen ähnlichen Vorsatz gefaßt hätte wie den meinen, seine Einfälle zu Papier zu bringen, so hätten wir manche auserlesene Dinge zu Gesicht bekommen, die uns dem Ruhm des Altertums sehr nahe brächten; denn namentlich in diesem Stück der natürlichen Gaben kenne ich niemand, der ihm vergleichbar wäre. Aber es ist nichts von ihm geblieben als diese Abhandlung, auch sie durch Zufall, und ich glaube nicht, daß er sie je wieder angesehen hatte, seitdem sie ihm entschlüpft war; ferner einige Denkschriften über jenes Januaredikt[3], das durch unsere Bürgerkriege berühmt geworden ist und die vielleicht anderwärts ihren Platz finden werden. Das ist alles, was ich von seinem Nachlaß wiederfinden konnte, ich, den er in so liebevollem Gedenken, den Tod an der Kehle, durch sein Vermächtnis zum Erben seiner Bibliothek und seiner Papiere einsetzte; dazu das Büchlein seiner Werke, das ich veröffentlichen ließ. Und doch bin ich dieser Schrift besonderen Dank schuldig, da sie als Vermittlerin unserer ersten Verbindung diente. Denn sie wurde mir gezeigt, lange bevor ich ihn sah, und gab mir die erste Kunde seines Namens, so daß sie diese Freundschaft in die Wege leitete, die wir, solange es Gott gefiel, so restlos und innig zwischen uns gehalten haben, daß sich kaum in der Überlieferung ähnliche finden und unter den heutigen Menschen sicherlich keine Spur davon anzutreffen ist. Es muß so vieles zusammentreffen, um dergleichen zu errichten, daß es viel ist, wenn das Schicksal es einmal in drei Jahrhunderten zustande bringt. Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit. Und Aristoteles sagt, daß die guten Gesetzgeber mehr Sorge für die Freundschaft als für die Gerechtigkeit trugen. In ihr aber findet die Geselligkeit den letzten Grad ihrer Vollendung. Denn insgemein sind alle Freundschaften, die Wollust oder Eigennutz, öffentliche oder häusliche Notwendigkeit errichten und erhalten, um so weniger schön und edel, und um so weniger Freundschaften, als sich andere Gründe, Zwecke und Gewinste als die Freundschaft selbst in sie mengen. Ebensowenig schicken sich die vier Gattungen des Altertums: natürliche, gesellige, gastfreundliche und geschlechtliche Verbindungen, weder einzeln noch zusammen genommen, zu ihr. Zwischen Kindern und Vätern ist es vielmehr Ehrerbietung. Die Freundschaft nährt sich von einem vertrauten Umgang, der sich zwischen ihnen um der allzu großen Ungleichheit willen nicht finden kann und zuweilen sogar gegen die Vorschriften der Natur verstieße. Denn weder lassen sich alle geheimen Gedanken des Vaters dem Kinde mitteilen, woraus eine unziemliche Vertraulichkeit erwüchse, noch können die Ermahnungen und Verweisungen, die zu den ersten Pflichten der Freundschaft gehören, vom Kinde an den Vater gerichtet werden. Es ist in Wahrheit ein schöner Name und voll Innigkeit: Bruder, und darum gründeten wir, er und ich, darauf auch unsern Bund. Doch diese Vermengung von Gütern, diese Erbschaftsteilungen, und daß der Reichtum des einen die Armut des andern bedeutet, all das läßt diese brüderliche Verbindung unsäglich erkalten und erschlaffen. Da die Brüder den Weg ihres Aufstiegs in den gleichen Geleisen und im gleichen Getriebe suchen müssen, ist es unvermeidlich, daß sie sich oftmals stoßen und in die Quere geraten müssen. Mehr noch: die gegenseitige Übereinstimmung und Mitteilung, aus der die wahre und vollkommene Freundschaft hervorgeht, warum sollte sie sich bei Brüdern finden? Der Vater und der Sohn können ganz verschiedener Gemütsart sein, und die Brüder ebenso. Er ist mein Sohn, er ist mein Verwandter, aber er ist ein unumgänglicher Mensch, ein Bösewicht oder ein Dummkopf. Und überdies, in dem Maße, in dem Gesetz und Schuldigkeit uns diese Freundschaften auferlegen, ist daran desto weniger freie Wahl und freier Wille beteiligt. Und unser freier Wille kann nichts so völlig seine eigene Schöpfung nennen, wie die Zuneigung und Freundschaft. Nicht etwa, daß ich nicht auch in diesem Betracht alles gekostet hätte, was sich darin finden kann, hatte ich doch den besten Vater, den es je gab, und den gütigsten bis in sein äußerstes Alter, und stamme aus einer Familie, die vom Vater auf den Sohn berühmt und beispielhaft in Stücken der brüderlichen Eintracht war, et ipse Notus in fratres animi paterni[4]. Vergleicht man damit die Neigung zu Frauen, wiewohl auch sie aus unserer Wahl entspringt, so kann man sie doch nicht in dies Verzeichnis aufnehmen. Ihr Feuer, das bekenne ich, neque enim est dea nescia nostri Quae dulcem curis miscet amaritiem[5], ist heftiger, heißer und versengender. Doch es ist ein aufflackerndes und flüchtiges Feuer, unstet und veränderlich, eine Fieberhitze, die bald steigt, bald fällt, und die uns nur bei einem Zipfel hält. In der Freundschaft ist es eine allgemeine und alles erfüllende Wärme, milde überdies und gleichmäßig; eine beständige und ruhige, ganz Innigkeit und Zartheit, die nichts Brennendes oder Durchbohrendes hat. Mehr noch als dies, in der Liebe ist es nur ein ungestümes Verlangen nach dem, was uns flieht: Come segue la lepre il cacciatore Al freddo, al caldo, alla montagna, al lito; Ne piu l’estima poi, che presa vede, Et sol dietro a chi fugge affretta il piede[6]. Sobald sie in ein Freundschaftsverhältnis eintritt, das heißt in eine Übereinstimmung zweier Willen, verraucht sie und erlahmt. Der Genuß zerstört sie, weil seine Absicht körperlich und der Sättigung unterworfen ist. Die Freundschaft hingegen wird in eben dem Maße genossen, in dem sie begehrt wird, und keimt, nährt sich und wächst nur mit ihrem Genuß, weil er geistig ist und die Seelen sich in ihrer Ausübung verfeinern. Unter dieser vollkommenen Freundschaft haben auch jene flatterhaften Neigungen ehedem bei mir Platz gefunden, nicht von meinem Freunde zu reden, der in seinen Gedichten nur zuviel davon beichtet. So sind diese beiden Leidenschaften jede in Kenntnis der andern bei mir eingetreten, aber nie auf gleichem Fuße: die erste blieb immer in ihrem hohen und stolzen Fluge und sah mit Geringschätzung die andere auch in ihren höchsten Schwüngen tief unter ihr flattern. Was die Ehe anlangt, außer dem, daß dies ein Handel ist, der nur bis zum Eingehen frei ist (denn seine Dauer ist auferlegt und erzwungen und hängt übrigens von andern Rücksichten als von unserem Willen ab), und ein Handel, der gemeinhin zu andern Absichten geschlossen wird, so finden sich darin noch tausenderlei äußere Verwicklungen zu entknäueln, genug, um den Faden einer herzlichen Zuneigung abreißen und ihren Gang sich verwirren zu lassen, während es in der Freundschaft kein Geschäft noch Anliegen gibt als sie selbst. Hinzugenommen noch, daß, um die Wahrheit zu sagen, die geistigen Gaben der Frauen gemeinhin nicht zu jenem Gedankenaustausch und Umgang hinreichen, aus dem diese heilige Verbindung erwächst; noch scheint ihre Seele stark genug, um die Spannung eines so fest geknüpften und so dauerhaften Bandes zu ertragen. Und freilich, wäre dies nicht, und wäre es möglich, eine solche freie und zwanglose Gemeinschaft zu schließen, in der nicht nur die Seelen diesen völligen Genuß fänden, sondern auch die Körper ihren Teil an der Vereinigung hätten, und welcher der ganze Mensch sich hingeben würde: es ist gewiß, daß diese Freundschaft vollkommener und erfüllter...


Michel Eyquem de Montaigne war Jurist, Politiker, Philosoph und Begründer der Essayistik.



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