E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Dard DAS PARADIES DES BÖSEN
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7487-0572-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Kriminal-Roman
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-7487-0572-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Heute bin ich endlich in das Haus gegangen, wo die anderen sind: die reichen Amerikaner. Sie leben dort inmitten unserer tristen Vorstadt von Paris wie auf einer hellen Insel der Freude. Ich bot ihnen meine Dienste an. Man hat mich zunächst abgewiesen. Aber dann hat man mich doch geholt, und ich habe beinahe geweint vor Glück - dabei hätte ich bittere Tränen des Schreckens vergießen sollen. Aber was wusste ich schon vom Leben - mit meinen siebzehn Jahren? Wie sollte ich wissen, dass sich hinter einer glänzenden Fassade das Böse verbergen kann? Wichtig war für mich nur die Liebe. Dafür war ich bereit, alles zu ertragen: Schande, Scham und Schmerzen... Das Paradies des Bösen von Frédéric Dard erschien erstmals im Jahr 1959; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1964. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der französischen Kriminal-Literatur.
Autoren/Hrsg.
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Zweites Kapitel
Auf den ersten Blick unterschied es sich nicht von den anderen Häusern. Es war ein zweistöckiges Gebäude mit einem hohen Dach, das von einem Türmchen mit einer Porzellanspitze gekrönt wurde, kleine Fenster mit bunten Karos hatte, eine kleine Terrasse und hellblau gekachelte Türumrahmungen. Und doch unterschied es sich von den Nachbarhäusern. Ein seltsames, schwer zu erklärendes Fluidum umgab es. War es auch ein Gartenhaus von hier, so stand es doch gewissermaßen auf einer unbekannten Insel, einer winzigen, geheimnisvollen Insel, auf der es sich gewiss herrlich leben ließ. In der mit rotem Sand bestreuten Zufahrt stand ein prächtiger, grüner amerikanischer Wagen mit blitzenden Chrombeschlägen und weißen Sitzbezügen, die mich an einen Salon erinnerten, den ich einmal in Paris von der Hochbahn aus gesehen hatte. Es war nur eine flüchtige Vision von einigen Sekunden Dauer gewesen, und doch träumte ich seitdem von diesem Salon und stellte mir vor, dass das höchste Glück auf Erden darin bestünde, in großen, weißen Ledersesseln zu sitzen. Neben dem Hause befand sich ein kleiner Rasenplatz, und hier war unter einem blauen Zeltdach eine märchenhafte, breite und mit bunten Kissen belegte Hollywoodschaukel aufgestellt. Auch das sah nach Glück aus. Darin ruhten Monsieur und Madame Rooland sich aus, wenn die Abenddämmerung hereinbrach. Vor ihnen standen dann Gläser mit Whisky auf tulpenförmigen eisernen Gestellen, und ein Radioapparat mit großer Antenne spielte Jazzmusik. Man kann sich kaum vorstellen, wie verführerisch die Atmosphäre dieses Gartens war. In der ersten Zeit begnügte ich mich damit, ganz langsam an dem weißen Zaun des Grundstückes vorbeizugehen. Aber bald fühlte ich mich so gefesselt, dass ich vor dem Hause immer wieder auf und ab spazierte. Man nannte seine Bewohner die Amerlocks. Er war ein mittelgroßer, rotbrauner Mann mit Sommersprossen auf der Stirn und auf den Armen. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein und arbeitete im Shape von Rocquencourt. Wenn er das Haus verließ, trug er naturfarbene oder bräunlich-gelbe Leinenanzüge, weiße Hemden mit offenem Kragen und dazu einen schwarzen Strohhut mit breitem, schwarz-weiß-kariertem Band. Doch abends zu Hause lief er in einer grauen Tuchhose und buntbemalten Hemden herum. Ich erinnere mich, dass er einmal ein Hemd trug, auf dem Palmen und Sanddünen zu sehen waren. Bei jedem anderen hätte das geschmacklos gewirkt, aber zu Monsieur Rooland passte es irgendwie. Seine Frau war von ganz anderer Art. Obwohl sie jünger war, erschien sie doch älter als er. Sie hatte brünettes Haar, von hellen Strähnen durchzogen, und trug oft korallenrote Shorts zu einer hellgrünen Hemdbluse. Ihre Haut schimmerte rötlich, und ich hatte mir aus unerfindlichen Gründen eingeredet, dass sie Indianerblut haben müsse. Sie rauchte pausenlos, und beim Gehen ließ sie ihre Schultern nach vorn fallen wie ein Athlet, der zum Sprunge ansetzt. Mein Treiben fiel ihnen schließlich auf. Franzosen hätten an ihrer Stelle bestimmt irgendeinen Verdacht geschöpft. Auf jeden Fall hätten sie sich gefragt, was ich eigentlich wollte und warum ich gegen sechs Uhr meinen Schaufensterbummel ausgerechnet bei ihnen machte. Aber die Roolands hatten eher ihren Spaß daran. Sie begannen mir zuzulächeln, und eines Abends, als Monsieur Rooland wahrscheinlich schon einige Whiskys getrunken hatte, rief er »Hallo!« und winkte mir zu. Mir wurde davon ganz heiß ums Herz. Verwirrt ging ich weiter. Da schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Woher er kam, vermag ich nicht zu sagen, denn was ist schon ein Gedanke? So etwas wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Wolke bricht und einem ins Auge fällt, ohne dass man genau weiß, woher er kommt. An diesem Abend war Arthur betrunken. Bei ihm gab es zwei verschiedene Arten von Räuschen: den vom Wein und den vom Rum. Der Wein machte ihn fröhlich, der Rum böse. Diesmal hatte er eine halbe Flasche Rum geleert, und man sah schon seinen Augen an, dass er entschlossen war, keinen Menschen mit seiner schlechten Laune zu verschonen. »Du hast wieder gebummelt!«, fuhr er mich an. Er hockte vor dem Fernsehapparat. Dieser Apparat ist für mich der Inbegriff der Trostlosigkeit, denn er steht mit drei vor ihm aufgereihten primitiven Stühlen in einem sonst völlig leeren Zimmer. Um diese Zeit lief kein Programm, aber Arthur schien gar nicht zu merken, dass auf dem Bildschirm nur komische Zuckungen zu sehen waren. »Ich komme aus der Fabrik«, sagte ich, während ich die Schuhe auszog. »Und welchen Weg nimmst du, um von der Fabrik heimzukommen, mein Täubchen? Den größten Umweg, den du finden kannst?« »Ich gehe den Weg, der mir gefällt!« Seit Jahren hatte er mich nicht mehr geschlagen. Ich muss auch anerkennen, dass er durchaus kein Schlägertyp ist. Doch an diesem Abend geschah es. Mama, die gerade vom Kaufmann zurückkam, hörte schon in der Küche die Ohrfeige. Sie eilte herbei und sah auf meinem Gesicht die Fingerabdrücke ihres Alten. Ich war etwas betäubt und weinte vor mich hin, ohne es recht zu wissen. »Was hat sie getan?« Ich habe meine Mutter noch nicht beschrieben, weil es mir etwas peinlich ist. Sie hat nämlich das, was man eine Hasenscharte nennt. Hasenscharte und ich haben ihr Leben verpfuscht. Ich glaube, dieser Fehler an der Lippe war der Grund, dass mein Vater, der Italiener vom Tanzvergnügen, nach dem Schäferstündchen in den Gemüsebeeten nicht wieder erschien. Wenn man ihr die Lippe beizeiten anständig zusammengenäht hätte, wäre das Leben meiner armen Mutter anders verlaufen. Sie hätte sicher etwas Besseres gefunden als Arthur, denn sie ist sonst gar nicht schlecht gebaut: klein, aber gut proportioniert, mit Körperformen, die einem Mann schon gefallen können. Die Ohrfeige hatte Arthur mehr wehgetan als mir. Er stand wie ein Idiot vor seinem leeren Bildschirm, mit hängendem Arm und zitternden Fingern. »Sie hat mir frech geantwortet, genauso frech, wie das ganze Mädchen ist!«, sagte er schließlich, um seine Autorität zu wahren. Und er fügte hinzu: »Sie liest zu viel, das verdreht ihr nur den Kopf!« Das war sein Steckenpferd, meine Bücher. Er konnte nicht begreifen, dass man außer der kommunistischen Zeitung l'Humanité überhaupt etwas druckte. Einmal hatte er mir nach einer ausgiebigen Rum-Sitzung zwei Bücher zerrissen, die aus der Stadtbibliothek kamen; eine ärgerliche Geschichte, weil gerade diese Bände beim Verlag vergriffen waren. Seitdem kaufte ich meine Bücher antiquarisch und veräußerte sie später an einen Händler, wenn ich in Paris war. Mama seufzte. Ich zog meine Schuhe wieder an und ging fort. Offen gesagt, ich konnte die Luft in unserem Haus nicht mehr ertragen - und die Luft des ganzen Viertels ebenso wenig. Es war ein grauer Abend. Der Wind brachte üble Gerüche, nicht nur von den Kohlfeldern, sondern auch von einer chemischen Fabrik. Neben den Fabrikschloten hoben sich die Rohbauten neuer Wohnblocks vom Horizont ab. Mir war etwas bange vor diesen weißen Häusern. Ich fürchtete die neue Stadt, die über Nacht aus der Erde wuchs; Leute von außerhalb würden sie beziehen und uns den letzten Rest unserer Leopoldviller Gemütlichkeit rauben. Ich begann zu laufen. Die Bahnschranke war geschlossen, und ich stieß die kleine Gittertür daneben auf. Der Bahnhof befand sich keine hundert Meter weit weg. Die keuchende Lokomotive eines Zuges stieß dichte Dampfwolken aus. Die Schrankenwärterin rief mir etwas zu, und da erst bemerkte ich den heranbrausenden Schnellzug aus Caen. Ich konnte mich gerade noch durch einen Sprung retten. Es war ein komisches Gefühl. Die Leute haben schon Recht, wenn sie in den Bahnhöfen Gitter zwischen die Gleise setzen, weil ja ein Zug den anderen verbergen kann. Die Schrankenwärterin war eine dicke Frau mit gelblicher Haut, die schwer schnaufte, wenn sie die mit Gegengewichten beschwerte Schranke auf und niederkurbelte. »Können Sie sich nicht Umsehen, bevor Sie...« Ich lief weiter. Ich wusste, wohin ich wollte. Als ich das Haus der Roolands erreichte, schaukelten sie nicht mehr, sondern sie aßen an einem zusammenklappbaren Tisch auf der Terrasse. Sie waren die einzigen in Leopoldville, die es wagten, so vor aller Augen unter freiem Himmel zu essen. Sie lachten über Leute, die ihnen zusahen. Ich stieß die Pforte auf und schritt über den roten Kies des Gartenweges. Zum erstenmal sah ich den Wagen aus der Nähe. Er kam mir noch schöner vor als aus der Entfernung. Sein Lack glänzte, und ein ganz besonderer Duft stieg von dem Fahrzeug auf. Es roch nach Reichtum, nach Macht. Ich marschierte schnurstracks in einen Traum hinein. Oh, wer mich gesehen hätte! Hocherhobenen Hauptes ging ich vorwärts, wie Soldaten beim Parademarsch, die Arme hielt ich ausgestreckt an mich gepresst, und das Herz klopfte mir bis zum Halse. Madame Rooland nahm beim Essen eine sonderbare Haltung ein, denn sie hatte den linken Arm auf die Knie gelegt. Ihr Mann war dabei, zwei Dosen mit Fruchtsaft zu öffnen. Als er mich hinter dem Wagen auftauchen sah, hielt er inne. Auch ich verharrte bewegungslos. Mein Blick war auf das Essen gefallen, und ich kam mir plötzlich ganz dumm vor - wie hatte ich diese fremde Insel nur anlaufen können! Anstatt von Tellern zu essen, wie wir anderen, hatte jeder von ihnen eine Platte vor sich; auf der Platte lagen dicke Bohnen in brauner Soße, Salat, Tomaten und Fleisch in einem rosaroten Gelee. Die Frau lächelte mir zu, ohne sich stören zu lassen. Er steckte zwei Strohhalme in die Löcher, die er mit einem besonderen Werkzeug in die Fruchtsaftdosen geschlagen hatte. »Hallo, Fräulein!« Er...