E-Book, Deutsch, Band 1, 280 Seiten
Reihe: Rigor Mortis
Hell / Kastenholz / Ap Cwanderay Rigor Mortis - Band 1 - GOLDRAUSCH
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-9878-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 280 Seiten
Reihe: Rigor Mortis
ISBN: 978-3-7487-9878-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
»Weshalb kümmert es euch, ob Blut an meinen Händen ist, wenn ich euch zum Gold führen kann?« 1898, Yukon Territory: Ein erbarmungsloser Holzbaron tyrannisiert die Goldgräberstadt Dawson City. Sein menschliches Antlitz ist bloß Fassade. 2005, Alaska: Ein mysteriöser Schatten verfolgt eine Reisegruppe. Mit jedem Tag, der verstreicht, ist seine rachsüchtige Gestalt deutlicher zu erkennen. 2017, Kalifornien: Ein fanatischer Talkshowmaster schockiert mit seiner Late-Night-Horror-Show. Aus blindem Ehrgeiz wird fataler Größenwahn. Drei Geschichten, eine Wahrheit. Vielleicht ist Legende doch nur ein anderes Wort für »ihr wurdet gewarnt«. ***** BAND EINS der RIGOR MORTIS Reihe. WRITER'S CUT: & Prequel »Pechschwarze Dunkelheit« & Reisereportage »Bei Walmart spukt es ebenfalls«
Autoren/Hrsg.
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Goldrausch - zwei
»Reiß dich zusammen«, flehte sie ihr Spiegelbild an. Allerdings konnte sie bei der behelfsmäßigen Badezimmerbeleuchtung beim besten Willen nicht erkennen, ob ihre Worte die erwünschte Wirkung zeigten. Vielleicht war es besser so, denn die nagende Nervosität hatte auf ihrem Gesicht ebenso tiefe Spuren hinterlassen wie die strapaziöse Anreise. Die Ringe unter ihren sonst strahlenden Augen gingen mit ihrem dunkelbraunen Haar, das platt ihr eingefallenes Gesicht umrahmte und in verfilzten Strähnen bis über die Schultern hinabfiel, eine fatale Farballianz der Erschöpfung ein, die ausschließlich eine ausgedehnte Dusche überwinden konnte. Es war zwar Hochsommer, aber dennoch eisig kalt im Badezimmer, was die verrostete Badewanne eher abstoßend als einladend wirken ließ. Das Hotel war eine billige Absteige, für die erste Station ihrer Reise hätte sie sich eine komfortablere Unterkunft gewünscht. Unterwegs würden genug Entbehrungen auf sie warten, die sie gerne in Kauf nahm, wenn sie dafür mit unberührter Natur und geheimnisvollen, von Menschenhand erschaffenen und dann vergessenen Plätzen belohnt wurde. Aber hier gab es noch keine Belohnung für ihren Verzicht. Keine majestätischen Weißkopfseeadler, keine im Sonnenlicht türkisfunkelnden Gletscher und auch kein Panorama, das einem gleichzeitig die Sprache verschlug und eine Art von Frieden spendete, wie ihn nur wenige Menschen im Laufe ihres Lebens erfuhren. In diesem Motel gab es noch nicht mal eine prall gefüllte Minibar, nur Wasserflecken an der Decke und eine spärliche Badezimmerbeleuchtung. An sich war das Triumvirat ihres Unbehagens – desolate Unterkunft, lähmende Erschöpfung und emotionaler Ausnahmezustand – ohnehin nicht weiter von Bedeutung, denn in weniger als drei Stunden würde sie Anchorage, und damit hoffentlich auch ihrem Selbstmitleid, den Rücken kehren. Und sie würde sechs vollkommen Fremde im Schlepptau haben, die sich nicht nur auf ihr Fachwissen, sondern vor allem auf ihre Kompetenz als Reiseleiterin verlassen würden. Was völliger Wahnsinn war. Sie hatte bisher noch nicht einmal einen Wochenendtrip für ihre Freundesclique geplant, der über die eigenen Landesgrenzen hinausgegangen wäre, und im alljährlichen Familienurlaub hatte sie es seinerzeit nicht weiter als bis nach Italien geschafft. Der Flug nach Anchorage, dessen fehlender Komfort ihr das Gefühl vermittelt hatte, er würde sie direkt in den siebenten Kreis der Hölle und nicht nach Alaska führen, war ihre erste Flugreise überhaupt gewesen, und obwohl sie gestern nach ihrer Ankunft den ganzen Nachmittag geschlafen hatte, hatte sie jetzt erst recht mit einem grauenvollen Jetlag und einer dementsprechenden Panik zu kämpfen. Reiseleiterin? Am Arsch der Welt? Am Arsch! Was hatte sie sich dabei gedacht? Die Antwort darauf war zu simpel, um die Beweggründe leugnen zu können. Sie hatte gar nicht gedacht, sondern bloß auf die nahezu obszön hohe Summe auf dem Scheck gestarrt und zugesagt, ohne lang zu überlegen. Wozu auch? Selbst ein hitziger Diskurs zwischen ihrem Draufgänger-Ich und ihrem Memmen-Ich, selbst ein rationales Abwägen der Vor- und Nachteile hätte zu keinem anderen Ergebnis geführt. Finanzielle Argumente waren schlagende Argumente. Seit man ihr das Stipendium gestrichen hatte, fraß die zeitintensive Arbeit an ihrer Dissertation ihr letztes Erspartes, und die versprochene Tutorenstelle an der Universität ließ auf sich warten. Ihre Eltern wollte sie nicht um Hilfe bitten, sie hatte sich ihre Unabhängigkeit vom überfürsorglichen Elternhaus zu hart erkämpft, um jetzt klein beizugeben, und für einen Studentenjob blieb ihr einfach nicht genügend Zeit. Da war das großzügige Angebot des Reisebüros für Abenteuer-Touristik gerade recht gekommen. Es war ein unerwarteter Geldsegen und darüber hinaus eine spannende Herausforderung. Außerdem hatte das Vorhaben zu Hause, in ihrer vertrauten Umgebung, gar nicht dermaßen undurchführbar geklungen, wie es sich jetzt anfühlte: Sie sollte, den Destinationen ihrer sich in Arbeit befindlichen Doktorarbeit folgend, sechs Reiseteilnehmer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz vier Wochen lang durch Alaska und das Yukon Territory führen. Auf den Spuren des Goldrauschs würden sie ehemalige Goldgräberstädte und Minen besuchen, darüber hinaus standen mehrere ausgedehnte Wanderungen auf dem Programm, bei denen sie vor Ort erfahrene Bergführer unterstützen würden, wenn es die Bedingungen erforderten. Soweit die Theorie. Und theoretisch hatte wahrscheinlich kaum jemand, der darüber hinaus die erforderlichen Deutschkenntnisse aufzuweisen hatte, so viel Ahnung von der Materie wie sie. Zweifelsohne war sie, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, die perfekte Fachfrau für diesen Job. Um sechs Uhr morgens, bei diffuser Badezimmerbeleuchtung in einem Hotel am Stadtrand von Anchorage, sah die Sache allerdings gleich ganz anders aus. Eine elementare Angst, die weder mit Worten noch mit Gesten zu fassen war, die sich erst klirrend glatt über ihren Rücken schob und sich dann widerwärtig säuselnd an ihren steifen Hals schmiegte, ergriff von ihr Besitz. Es war mehr als die Furcht vor der Aufgabe. Es war die Furcht an sich, das unausweichliche Unbehagen in seiner reinsten Erscheinungsform, demaskiert und auf den schmerzhaftesten Punkt im Geist eines jeden Menschen gebracht. Irritiert fasste sie sich in den Nacken, schüttelte den Kopf und tat, was wir alle tun: nachdrücklich leugnen, was wir intuitiv bereits wissen, sobald wir es nicht rational erklären können. »Echt jetzt, verdammt, reiß dich zusammen!«, wiederholte sie die Forderung, die sie eben erst an sich selbst gestellt hatte, mit etwas mehr Nachdruck, und sie konnte spüren, wie die alarmierende Furcht der indoktrinierten Überzeugung wich. »Du bist die Expertin. Das ist deine Leidenschaft und das ist deine Chance. Nicht nur, dass man dir gutes Geld bezahlt, nein, auf diese Weise hast du endlich die Möglichkeit, nach der Reise einen weiteren Monat hierzubleiben und den Forschungsschwerpunkt deiner Arbeit vor Ort eigenständig umzusetzen. Betrachten wir das Ganze nüchtern: Ohne das hier bist du geliefert. Kein Geld, keine Forschung, keine Dissertation, keine Unistelle. Aus und vorbei. Der ganze verdammte Traum für die Tonne.« Sie atmete tief ein, drückte das Kreuz durch, hob das Kinn an und zog die Mundwinkel in die Höhe, atmete langsam aus und schenkte ihrem Abbild ein gequältes, aber letztendlich doch überzeugendes Lächeln. »Mein Name ist Rosa Martin, ich bin Doktorandin an der Geschichte-Fakultät der Karl-Franzens-Universität in Graz, mein Forschungsschwerpunkt ist der Goldrausch in Alaska und dem Yukon Territory zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und ich bin Ihre Reiseleiterin. Heute ist Sonntag, der zehnte Juli 2005, und das ist der Beginn unseres gemeinsamen Abenteuers. Glückauf!« Hätte sie vor dem Spiegel bereits die Gesichter ihrer Reisegruppe gesehen, hätte sie das Badezimmer erst gar nicht verlassen. Nie wieder. Sie hätte dort gewartet, bis der körperliche Verfall eingesetzt hätte, und sich dann klammheimlich Stück für Stück die Toilette runtergespült. Kein besonders starker Abgang, aber wenigstens ein Ausweg. Ein Blick sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Diese Blicke sprachen Bände der Ablehnung, und sie wollte keinen einzigen davon lesen, die Klappentexte waren mehr als ausreichend: Die ist schrecklich jung, die geht sicher noch zur Schule. Was sollen wir mit diesem Kind anfangen? Eine Frau … Was weiß eine Frau über Bergbau? So ein dürres Gestell, die hält doch dem Druck nicht stand. Am Ende müssen wir das Mädel über den Gletscher schleppen. Und dafür hab ich ein Vermögen bezahlt? Sechs Erwachsene in funktionaler Sportbekleidung, die sich zum gemeinsamen Frühstück um einen Tisch versammelt hatten, Rosa eindringlich musterten und die, neben der obligatorischen Jack-Wolfskin-Abenteureruniformierung, vor allem ein Merkmal als Gruppe auswies: eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen. Begeisterung sah anders aus. Die Veranstalter hatten wohl verabsäumt, die Teilnehmer darüber zu informieren, wer für die vier Wochen authentische Goldrausch-Erfahrung vor Ort verantwortlich sein würde. Was zur Folge hatte, dass diese sich den sportbegeisterten Bergbauexperten augenscheinlich anders vorgestellt hatten. Schätzungsweise fünfzig Jahre alt, einen Bart wie Reinhold Messner, glühende Kohle in den Augen und flüssigen Stahl in den Adern, die Statur eines Grizzlybären und deutlich weniger Brüste, dafür aber ein paar richtig fette Eier. »Ich weiß, Sie sind enttäuscht …«, setzte Rosa an, die unter den prüfenden Blicken zu einem Häufchen Elend verkommen war, und machte sich mit ihrer unbeholfenen Wortwahl gleich noch zwei Köpfe kleiner. Schließlich verstummte sie mitten im Satz und wartete geduldig darauf, dass der Boden sich auftat. Das war Alaska, es konnte alles passieren, und schon spürte sie, wie reinigende Flammen zärtlich an...