E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Lennart Ipsen
Kobr Nebel über Rønne
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-30511-6
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Bornholm-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Lennart Ipsen
ISBN: 978-3-641-30511-6
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lennart Ipsen von der Bornholmer Kriminalpolizei steht zusammen mit seinen beiden Mitarbeiterinnen vor einem absoluten Rätsel: Was verband die drei Reisenden? Was genau hat sich in dem Flugzeug abgespielt? Und wer hat den Frieden auf der beschaulichen dänischen Urlaubsinsel auf so brutale Art und Weise gestört?
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Prolog
»OY-ICNO from Tower Rønne.«
»OY-ICNO, go ahead, Torben!«
»Willkommen zurück in Rønne, Mikal, schöne Landung, trotz des Nebels. Cleared to taxi to Hangar 2, own discretion.«
»Danke dir, Torben. Cleared to Hangar 2, own discretion. Gute Nacht!«
Torben Mikkelsen nickte zufrieden. Die kleine private Propellermaschine seines Fluglotsenkollegen, der auch selbst leidenschaftlich gern flog, war trotz des Nebels, der heute über dem hing, wie erwartet sicher gelandet.
Torben nahm einen großen Schluck Kaffee, dann sah er auf die Digitaluhr, die über einer der riesigen Glasscheiben des Towers hing: vierzig Minuten vor zehn. Er hatte an diesem Abend noch zwei Maschinen auf dem Zettel, nicht viel los also. Eine weitere Privatmaschine, die aus Schweden kam, und noch den letzten von insgesamt sechs Linienfliegern aus Kopenhagen, mittels derer Bornholm täglich eng an die dänische Hauptstadt angebunden war. Danach hatte er nur noch Bereitschaftsdienst und musste gegebenenfalls erreichbar sein, falls eine Maschine außerplanmäßig landete. Was allerdings in den sieben Jahren, in denen er inzwischen hier in der Luftaufsicht des einzigen Verkehrs- und Militärflughafens der Insel arbeitete, so gut wie nie vorgekommen war.
Dennoch würde heute womöglich kein ganz entspannter Abend werden, denn die Wetterprognose verhieß ständig wechselnde und damit schwierige Verhältnisse: Der dichte Nebel über Rønne sollte schon bald von heftigen Sturmböen abgelöst werden, die die Landung der beiden noch ausstehenden Maschinen deutlich erschweren konnten. Lästig, aber an sich war solches Wetter gar nicht ungewöhnlich für Ende April. Erst in den nächsten Wochen würde sich wieder dauerhaft jene stabile Hochdrucklage zeigen, für die Bornholm berühmt und wegen der die Insel bei Touristen so beliebt war.
Torben fröstelte und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Tasse.
Die Maschine aus Kopenhagen war spät dran heute, denn die Wetterkapriolen hatten Torben veranlasst, die Landebahn für eine knappe Stunde zu schließen. Bei derart heftigen Böen, wie es sie am frühen Abend gegeben hatte, konnte niemand mehr für die Stabilität eines Flugzeugs garantieren. Mit einem Auge hatte er die gesamte Zeit über seine Monitore im Blick und lauschte nebenbei dem Funkgerät.
Er erschrak ein wenig, als er hörte, wie hinter ihm die Tür aufging. Er wandte sich um und erkannte die Silhouette von Lars Hansen, dem Chef der Flughafenfeuerwehr, mit dem Torben schon seit seiner Schulzeit eng befreundet war.
»Hey, Captain!«, grüßte Lars. »Ganz schöne Suppe heute, was?« Er deutete aus dem Fenster auf das spärlich beleuchtete Rollfeld.
Torben hob eine Hand zum Gruß und nickte. »Stimmt, Commander. Dabei war vorher noch heftiger Wind. Na ja, so ist es eben auf unserer vielgerühmten Sonneninsel manchmal. Und du so? Dienst heute Abend?«
»Du sagst es. Wär’s okay, wenn ich nachher ein, zwei Fahrten übers Vorfeld mache? Ich muss das schließlich mal wieder bewegen.«
Torben lachte. war Lars’ Spitzname für seinen größten, modernsten und schnellsten Löschzug. »Klar, sowieso nicht mehr viel los heute«, erklärte er.
»Es gab Verzögerungen, hab ich gehört?«
»Ja, vorher die wechselnden Winde, jetzt der Nebel, und später wird’s dann voraussichtlich noch mal stürmisch. Höchste Zeit, dass der Sommer zurückkommt. Kaffee?«
»Immer«, antwortete Lars nickend, ging zur Maschine und goss sich eine große Tasse ein. »Danke, Captain.«
Sie schwatzten noch ein bisschen, aber zehn Minuten später war Torben wieder allein – und hochkonzentriert. Die vorgemerkte Privatmaschine war nicht mehr weit entfernt, und der Nebel hing nach wie vor zäh über der Landebahn. Aber immerhin gerade noch über dem vertretbaren Minimum eines ILS CAT I Approach, also eines regulären Instrumenten-Landeanflugs, konstatierte Torben. Auf dem Monitor verfolgte er den kleinen Punkt mit der Flugzeugkennung darüber, beobachtete gebannt, wie er sich dem Flughafen näherte. Auch wenn er sich bei diesem Piloten keine allzu großen Sorgen zu machen brauchte. Henrik Forsberg war einer der erfahrensten Privatflieger auf der Insel, und seine Cessna Citation Mustang, ein kleiner, ziemlich wendiger zweistrahliger Jet, war mit allem ausgerüstet, was es für einen Instrumentenlandeanflug brauchte. Entsprechend routiniert lief auch der Funkverkehr mit dem Cockpit ab.
»Rønne Tower, guten Abend, Torben, hier ist Henrik Forsberg, OY-IDOC. 3000 feet, established ILS Runway 29, Information Bravo«, meldete der Pilot seine Landung bei Torben an.
»OY-IDOC, identified, continue approach, QNH 1005«, bestätigte der.
»Roger, OY-IDOC.«
Noch einmal checkte Torben seine Anzeigen und die Sicht- und Wetterdaten, dann erteilte er der Citation schließlich die Freigabe zur Landung und gab dem Piloten noch einmal die Sichtweiten auf der Landebahn durch: »OY-IDOC, cleared to land runway 29, wind 300/8, RVR 600 – 750 – 650.«
»Cleared to land runway 29, OY-IDOC«, wiederholte Henrik Forsberg aus seinem Cockpit zur Bestätigung.
Torben nahm sein Fernglas, blickte aus dem Fenster und glaubte, trotz der schlechten Sicht bereits die Lichter des kleinen Jets wahrnehmen zu können. Und tatsächlich: In diesem Moment brach die Citation durch den Nebel, der Pilot zog die Nase des Fliegers hoch, und einen Wimpernschlag später setzte das Fahrwerk sanft auf dem Rollfeld auf, um dann blinkend an der Glasfront des Towers vorbeizurollen. Torben legte das Fernglas weg und drückte erneut die Funktaste.
»OY-IDOC, welcome to Rønne, saubere Landung, Henrik. Leave runway via B, taxi own discretion to parking position 2.«
Torben wartete auf die Bestätigung aus dem Cockpit, doch das Funkgerät blieb stumm.
»OY-IDOC, welcome to Rønne, leave runway via B, taxi own discretion to parking position 2«, wiederholte er stattdessen seinen Funkspruch aus dem Tower. Wieder keine Reaktion.
Torben runzelte die Stirn.
»OY-IDOC, how do you read?«, erkundigte er sich schließlich mit dem Standardfunkspruch, ob man ihm im Cockpit hören konnte. Stimmte etwas mit dem Funkgerät der Cessna nicht?
Keine Antwort. »Fuck«, entfuhr es Torben. Was war denn nur los heute? An seinem Funk lag es bestimmt nicht, das wäre wirklich das erste Mal gewesen.
»OY-IDOC, how do you read? Confirm taxi clearance! Henrik, bitte read-back!«, bat er nun eindringlich und bemühte sich dabei, besonders laut und deutlich zu sprechen. Nichts.
»Mann, jetzt antworte endlich!«, zischte er bei sich, ohne die Taste am Funkgerät zu drücken. Riss nun auch beim sonst so akribischen Henrik Forsberg die Unsitte ein, nach erfolgter Landung dem Funkverkehr keine Beachtung mehr zu schenken? Seufzend erhob sich Torben und sah noch einmal durch das Fernglas. Die Citation war inzwischen am Ende der Landebahn angekommen und stand mit blinkenden , den zuckenden Leuchten an den Tragflächen, unbewegt da. Forsberg hatte die Mustang sogar bereits ein Stück nach rechts gezogen, um schließlich endgültig in Richtung der Hangars abzubiegen. Sicher, er kannte den Weg und sah auch, dass nichts los war heute Abend. Aber streng genommen brauchte es für dieses Manöver noch einmal eine Freigabe von Torben. Der Funkverkehr musste nun mal unbedingt gehalten werden, bis die endgültige Parkposition erreicht war.
»Was macht er denn da bloß?«, murmelte Torben und zog die Brauen zusammen. Völlig still stand das Flugzeug da. Noch einmal versuchte er es mit einem Funkspruch.
»OY-IDOC, Henrik, do you need assistance? Read back!!«, schrie er nun beinahe über Funk.
Vergebens.
Irgendwie kam ihm das alles allmählich komisch vor. Da war doch was faul. Mit verständnislosem Kopfschütteln langte er nach dem Telefonhörer und drückte eine der Schnellwahltasten. Lars Hansen hob bereits nach dem ersten Klingeln ab.
»Captain? Was gibt’s?«
»Du musst sofort raus zu Forsbergs Citation«, erklärte Torben in ernstem Ton. »Sie steht am Ende der Bahn, und niemand meldet sich. Irgendwas stimmt da nicht.«
»Siehst du Feuer?«
»Nein, von hier aus sind weder Feuer noch Rauch zu erkennen.«
»Alles klar, bin schon unterwegs. Wann kommt die nächste Maschine rein?«
»Der letzte Linienflieger aus Kopenhagen sollte in gut vierzig Minuten hier sein. Ist also noch Zeit, bis dahin gehört das Rollfeld dir.«
»Roger. Over and out.«
***
Lars Hansen liebte sein , dieses kraftstrotzende Ungetüm von Lkw. Und war mächtig stolz darauf. Der Motor leistete über 700 PS, es fuhr über 120 Stundenkilometer schnell und fasste über 12 000 Liter Löschmittel. Ein solch sündhaft teures Löschfahrzeug der neuesten Generation, das war für einen Flughafen dieser Größe wohl einmalig. Aber die königliche dänische Luftwaffe, die den Flughafen ebenfalls als Basis nutzte, hatte Lars’ Antrag auf den Kauf ohne Nachfrage stattgegeben.
Er öffnete das riesige, elektrische Tor des Fahrzeughangars, schwang sich ins Führerhaus, startete den Motor und schaltete Blaulicht und Sirene an. Wenn es schon mal einen echten...