E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Koch / Lorenz Die Seelenfänger von Shincheonji
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84494-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie eine koreanische Neureligion Menschen manipuliert
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-451-84494-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Oliver Koch, geb. 1972, ist evangelischer Pfarrer, psychologischer Berater und Referent für Weltanschauungsfragen am Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck. Er hat weitreichende Erfahrung in der weltanschaulichen Forschungs-, Vortrags-, Präventions- und Netzwerkarbeit und ist spezialisiert auf die Beratung von Betroffenen und Angehörigen.
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Einleitung: Warum und wie wir über Shincheonji schreiben
Shincheonji – wer oder was ist das und wie spricht man das eigentlich aus? Diese Frage taucht im deutschsprachigen Raum immer wieder auf, und das nicht nur, weil es sich um ein koreanisches Wort handelt. Erklärt man jedoch kurz, dass es sich dabei um eine endzeitlich ausgerichtete, stark missionarische Glaubensgemeinschaft handelt, die vor allem junge Menschen anspricht und oft unter falschem Namen auftritt, hört man häufig: ‚Ach ja, klar, die kenne ich – denen bin ich auch schon begegnet.‘
In den deutschsprachigen und internationalen Beratungseinrichtungen für Sekten- und Weltanschauungsfragen spielt Shincheonji seit mehreren Jahren eine große Rolle. Nicht nur aufgrund der Häufigkeit der Anfragen, sondern besonders aufgrund der Dramatik der jeweiligen Beratungsfälle. Legt man die Kriterien für eine konfliktträchtige neureligiöse Gemeinschaft an, so erfüllt Shincheonji nahezu alle Punkte. Aufgrund ihrer ausgeklügelten Missionierungsstrategie, der Manipulationspraktiken, daraus entstehenden Abhängigkeitsmechanismen und einem ausgeprägten Dualismus zwischen der Innenwelt der Gemeinde und der Außenwelt verursacht Shincheonji viele Konflikte im persönlichen und erweiterten sozialen Umfeld von Betroffenen. Diese Konflikte betreffen am häufigsten die Anhänger selbst und ihr soziales Umfeld. Shincheonji ist deshalb aus unserer Sicht eine der neureligiösen Gemeinschaften der Gegenwart, die am meisten Konfliktpotential hat – und das weltweit. Diejenigen, die mit Shincheonji in Berührung kommen, suchen oft Hilfe und Unterstützung: Das reicht von der Bitte um Aufklärung hinsichtlich der Hintergründe der Gemeinschaft, über eine christlich-theologische Einordnung ihrer Lehre und Glaubensansichten bis hin zu ausgiebigen seelsorglichen Begleitungen von Angehörigen oder Betroffenen. Nicht selten münden solche seelsorglichen Begleitungen in psychotherapeutische Behandlungen.
In den letzten Jahren haben wir viel Erfahrung im Zusammenhang mit Shincheonji sammeln können. Wir haben zahlreiche Beratungen durchgeführt, die uns dazu brachten, uns intensiv mit der Gemeinschaft auseinanderzusetzen. Vor mehr als zehn Jahren erreichten uns die ersten Anfragen. Damals waren wir noch genauso ratlos, wie viele Menschen es heute noch sind, wenn sie zum ersten Mal mit Shincheonji in Kontakt kommen bzw. eine Beratung aufsuchen. Um den Anliegen der uns kontaktierenden Menschen gerecht zu werden, bemühten wir uns immer, auf dem aktuellen Stand zu bleiben, z.?B. jeweils zu wissen, welche neuen Bibelkurse wo stattfanden oder welche neuen Namen dazu benutzt wurden, um die Zugehörigkeit eines Kurses zu Shincheonji zu verschleiern.
Die schwierigste Arbeit blieb und bleibt bis heute jedoch, Angehörige zu begleiten und ehemaligen Mitgliedern zu erklären zu versuchen, in welcher Glaubensgemeinschaft sie gelandet sind und welche Schritte wir empfehlen, um wieder ins „normale“ Leben zurückzufinden. Besonders herausfordernd ist es zu erleben, wie religiös aufgeschlossene und interessierte junge Menschen nach ihrem Ausstieg oft jeglichen Bezug zu Religion hinter sich lassen. Sie haben Religion als ein enges Korsett erlebt und gelernt, die Bibel auf eine Weise zu lesen und zu interpretieren, die die Glaubens- und Erfahrungsschätze dieses vielfältigen Buches zugunsten einer mechanistischen und fundamentalistischen Lesart aufgibt. Es ist deshalb völlig verständlich, dass viele, die Shincheonji verlassen haben, keine lebensförderlichen Assoziationen mehr mit Worten wie Gott, Bibel, Erlösung oder Offenbarung verbinden können.
Die Kritik, die wir mit dem vorliegenden Buch an der Gemeinschaft Shincheonji üben, speist sich vor allem aus den leidvollen Erfahrungen, die Angehörige oder ehemalige Mitglieder mit dieser Gemeinschaft gemacht haben. Wir analysieren vor diesem Hintergrund sowohl die Lehre als auch die sich aus der Lehre ableitende Praxis der Gemeinschaft. Beides hängt miteinander zusammen. Aus Sicht der Gemeinschaft ist die Praxis nämlich die konsequente Umsetzung ihrer Überzeugung. Die Lehre steht an erster Stelle, die Mitglieder der Gemeinschaft lernen sie Wort für Wort auswendig und sind von der Wahrheit dieser Lehre überzeugt. Deshalb legen wir großen Wert darauf, die Gemeinschaft aus ihrem Selbstverständnis heraus darzustellen. Ihre Überzeugungen und die daraus resultierende Praxis haben jedoch immer auch einen psychologischen Hintergrund. Dass Menschen sich einem derart engen Glaubenssystem zugehörig fühlen bzw. es aktiv verbreiten, lässt sich psychologisch erklären. Es passt in unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation, dass Menschen Halt in streng autoritären Systemen suchen, nicht nur im politischen Bereich.
Trotz aller Kritik an der Gemeinschaft, die wir für berechtigt und sowohl theologisch als auch psychologisch für begründet und notwendig erachten, übersehen wir nicht die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Shincheonji gerne anhängen, ihr folgen und für die Gemeinschaft missionieren. Wie auch immer diese Bindung entstanden ist, ob freiwillig oder durch ein subversives Spiel mit Ängsten – wenn Menschen sich gerne und freiwillig und ohne dass ihr soziales Umfeld darunter sehr zu leiden hat, Shincheonji angehören, ist das aus unserer Sicht zu akzeptieren, auch wenn theologische Bedenken bleiben.
Viele Einblicke erhielten wir aus Berichten von Aussteigerinnen und Aussteigern, insbesondere über innere Abläufe der Gemeinschaft. Hinzu kamen Analysen von Unterrichtsmaterial und Selbstdarstellungen von Shincheonji. Einen wichtigen Anteil zum Verständnis der Gemeinschaft hatte eine Reise von einem von uns nach Südkorea. Er konnte dort nicht nur an Veranstaltungen von Shincheonji teilnehmen und mit diversen Ausstiegsberater:innen, Kritiker:innen und anderen Glaubensgemeinschaften sprechen, die mit Shincheonji im Herkunftsland zu tun haben – die Reise ermöglichte es ihm auch, einen kultursensiblen Blick zu gewinnen, der die Gemeinschaft vor dem Hintergrund der koreanischen Religionskultur besser einzuordnen half.
Wir vermeiden es im Folgenden, die Gemeinschaft als „Sekte“ zu bezeichnen, wiewohl sie beinahe alle klassischen Sektenkriterien erfüllt. Der Ausdruck wurde lange von Seiten der beiden Kirchen als negative Markierung von Andersgläubigen bzw. für vom klassischen Christentum abweichende Gruppen oder Gemeinschaften verwendet. Fast immer mit negativen Konnotationen. Heute wird der Begriff darüber hinaus in einem sozialpsychologischen Sinn verwendet, auch hier mit deutlich negativer Wertung. Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass die klassischen Sektenkriterien zu Recht für Shincheonji gelten, verhindert aus unserer Sicht eine pauschalisierende Verwendung des Ausdrucks „Sekte“ die möglichst vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit Shincheonji.
Eines unserer zentralen Anliegen ist es immer gewesen, in einen direkten Austausch mit der Gemeinschaft zu kommen. Das ist bisher nicht gelungen. Über Jahre haben wir uns darum bemüht, mit Vertreter:innen von Shincheonji in Kontakt zu kommen. Aus internen Quellen ist uns bekannt, dass wir bei Shincheonji als „die Zerstörer“ gehandelt werden.
Grundsätzlich gilt uns der religiöse Pluralismus als eine Errungenschaft von Demokratie. Ihn zu achten und mit Respekt über andere Glaubensgemeinschaften zu sprechen ist zentrales Anliegen unserer Arbeit. Doch die in den Beratungsgesprächen immer wieder zu Tage tretenden Schattenseiten der Gemeinschaft zwingen uns dazu, öffentlich Kritik zu äußern.
Als evangelische und katholische Theologen in Deutschland ist es heute nicht leicht, über andere religiöse Gemeinschaften ein kritisches Buch zu schreiben. Lange Zeit gehörte es zu den Kernaufgaben der Kirchen, sich auch öffentlich kritisch mit dem vielfältigen Markt der Religionen und Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Insbesondere die mit hinduistischen und esoterischen Elementen vermengte New Age Bewegung, Scientology, Bhagwan oder die Moon-Bewegung führten in den 1970er Jahren dazu, dass katholische Bistümer und evangelische Landeskirchen Stellen schufen, die die neuen religiösen und spirituellen Bewegungen beobachteten, aber auch öffentlichkeitswirksam kritisieren sollten, wenn es einen Anlass dafür gab. Es ist dem unermüdlichen Einsatz unserer Vorgänger:innen zu verdanken, dass man in einer breiten Öffentlichkeit um die Problematiken von Organisationen wie Scientology weiß und darüber informiert ist.
Aber die religiöse und gesellschaftliche Lage hat sich seitdem tiefgreifend verändert. In den vergangenen Jahren hat insbesondere die katholische, aber auch die evangelische Kirche einen enormen Mitgliederschwund und damit einen erheblichen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Beide Kirchen haben zwar immer noch viele Mitglieder und stellen sich neu auf, aber die Zeit der Volkskirche ist vorbei. Einer der Auslöser für diese kirchliche Entwicklung ist der Verlust von Vertrauen. Die mangelnde Bereitschaft kirchlicherseits, sich den Verbrechen von Missbrauch in den eigenen Reihen zu stellen, ist dafür der Grund. Dabei geht es sowohl um sexuellen als auch um spirituellen bzw. geistlichen Missbrauch. Die Selbstverständlichkeit, mit der noch vor 20 Jahren über andersdenkende oder andersgläubige Weltanschauungen gesprochen werden konnte, ist heute deshalb nicht mehr möglich. Vor dem Hintergrund des kirchlichen Umgangs mit Missbrauchsfällen gehört es sich nicht, mit einer Rhetorik aufzutreten, als habe man als einziger den gültigen Blick auf Religion und Glauben. Im Fokus unserer Arbeit stehen deshalb in erster Linie der Respekt und der wertschätzende Umgang mit allen Angeboten auf dem religiösen Markt. Dafür ist eine Sprache notwendig, die möglichst...