E-Book, Deutsch, 1400 Seiten
Reihe: His Dark Materials
Pullman His Dark Materials: Der Goldene Kompass – Band 1-3 der Fantasy-Serie im Sammelband
1. Auflage, Mehrfachband 2014
ISBN: 978-3-646-92679-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 1400 Seiten
Reihe: His Dark Materials
ISBN: 978-3-646-92679-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philip Pullman wurde 1946 in Norwich, England, geboren. Er wuchs in Zimbabwe und Wales auf. Viele Jahre arbeitete er als Lehrer, bevor er sich ganz auf das Schreiben konzentrierte. Mit der »His Dark Materials«-Trilogie wurde er weltweit bekannt. Sie wurde in über 40 Sprachen übersetzt und Pullman erhielt zahlreiche Preise, darunter den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis für sein Gesamtwerk. Er lebt in Oxford.
Weitere Infos & Material
1
Die verzauberte Schläferin
… DERWEIL AUS
TIEFER HÖHLE
DUNKELHEIT DER
WILDEN TIERE
AUG ERSPÄHT
DIE SCHLAFEND’
MAID …
WILLIAM BLAKE
In einem von Rhododendren überschatteten Tal nahe der Schneegrenze, durch das schäumend ein Bach mit grünem Schmelzwasser floss und unter dessen gewaltigen Pinien sich Tauben und Bergfinken tummelten, lag unter einer Felsnase, halb versteckt hinter den schweren, harten Blättern der Büsche, eine Höhle.
Der Wald war voller Geräusche, voll vom Tosen des Baches zwischen den Felsen, vom leisen Wispern des Windes in den Nadeln der Pinien, von dem Zirpen der Insekten, den Lauten kleiner Waldtiere und dem Gezwitscher der Vögel. Hin und wieder fuhr ein Windstoß durch eine Zeder oder Tanne, und die Äste rieben aneinander und stöhnten wie ein Cello.
Glänzendes Sonnenlicht verwandelte den Wald in einen Ort der Helligkeit und nirgends fand sich eine Stelle ohne leuchtende Sprenkel. Zitronengelbe Strahlen teilten längliche und runde braungrüne Schatten auf dem Boden. Das Licht befand sich ständig in Bewegung und stand nie still, denn oft trieben Nebelschleier zwischen den Wipfeln. Sie dämpften das Sonnenlicht zu einem milchigen Schein und überzogen die Pinienzapfen mit einem feuchten Film, der, wenn der Nebel aufriss, in der Sonne glitzerte. Zuweilen verdichtete sich der Dunst auch zu feinen Tröpfchen, schon nicht mehr Nebel und noch nicht ganz Regen, die mehr nach unten schwebten als fielen und auf den Millionen Nadeln ein leises Rascheln erzeugten.
Am Bach entlang zog sich ein schmaler Pfad, der von einem Dorf oder eigentlich mehr einer Ansammlung von Hirtenhütten am Boden des Tales zu einem halb verfallenen Schrein nahe dem Gletscher am Talschluss führte. Dort flatterten verblichene Seidenfahnen in den immerwährenden Winden, die vom Gebirge herabwehten, und fromme Dorfbewohner brachten Gerstenfladen und getrocknete Teeblätter als Opfergaben. Sonnenlicht, Eis und Dunst bewirkten, dass über dem Anfang des Tales ständig Regenbogen leuchteten.
Die Höhle lag etwas oberhalb des Pfades. Vor vielen Jahren hatte hier betend und fastend ein Einsiedler gelebt und seinetwegen galt die Höhle als heilig. Sie führte etwa zehn Meter tief in den Berg hinein und ihr Boden war trocken, ein idealer Unterschlupf für Bären oder Wölfe, doch lebten dort seit langem nur Vögel und Fledermäuse.
Das Wesen, das in diesem Augenblick am Eingang hockte, den Blick aus den schwarzen Augen wachsam umherwandern ließ und die spitzen Ohren lauschend aufgestellt hatte, war freilich weder Vogel noch Fledermaus. Golden glänzte die Sonne auf seinem weichen Fell und seine Affenhände drehten einen Pinienzapfen hin und her, rissen mit scharfen Nägeln die Schuppen ab und kratzten die süßen Nüsse heraus.
Hinter ihm saß knapp außerhalb der Reichweite der Sonnenstrahlen Mrs Coulter und erhitzte in einem kleinen Topf auf einem Naphthakocher Wasser. Ihr Dæmon gab ein warnendes Geräusch von sich und sie sah auf.
Auf dem Weg näherte sich ein kleines Mädchen aus dem Dorf. Mrs Coulter kannte sie. Ama versorgte sie schon seit einigen Tagen mit Essen. Mrs Coulter hatte ihr bereits, als sie zum ersten Mal gekommen war, zu verstehen gegeben, sie sei eine Heilige, die ihr Leben dem Gebet und der Meditation geweiht habe und nicht mit Männern sprechen dürfe. Ama war die einzige Besucherin, die sie empfing.
Diesmal war das Mädchen allerdings nicht allein gekommen, sondern in Begleitung seines Vaters. Er wartete dann aber in einiger Entfernung, während Ama zur Höhle hinaufstieg.
Am Eingang verneigte sie sich.
»Mein Vater schickt mich mit seinen besten Segenswünschen«, sagte das Mädchen.
»Sei gegrüßt, mein Kind«, sagte Mrs Coulter.
Das Mädchen legte Mrs Coulter ein in ausgeblichene Baumwolle gewickeltes Bündel zu Füßen. Dann hielt sie ihr einen kleinen Blumenstrauß hin, ein Dutzend mit einer Baumwollschnur zusammengebundene Anemonen, und begann schnell und aufgeregt zu reden. Mrs Coulter verstand zwar die Sprache der Bergbewohner ein wenig, doch brauchten diese das nicht zu wissen. So bedeutete sie dem Mädchen nur lächelnd, zu schweigen und die beiden Dæmonen zu beobachten.
Der goldene Affe streckte seine kleine schwarze Hand aus und Amas Schmetterling kam flatternd näher und setzte sich auf den runzligen Zeigefinger.
Der Affe führte ihn langsam an sein Ohr. Mrs Coulter spürte den Austausch der beiden in ihrem Bewusstsein und die Worte des Mädchens wurden ihr klarer. Die Dörfler fühlten sich geehrt, dass eine Heilige in der Höhle Zuflucht gesucht hatte. Doch gehe das Gerücht um, dass sie eine Begleiterin bei sich habe, die mächtig und gefährlich sei.
Vor ihr hatten die Dorfbewohner Angst. War diese Begleiterin Mrs Coulters Herrin oder ihre Dienerin? Führte sie etwas Böses im Schilde? Warum war sie überhaupt hierhergekommen? Wollte sie noch lange bleiben? Voller Sorge und Misstrauen übermittelte Ama diese Fragen.
Während die Dæmonen sich austauschten und Mrs Coulter durch ihren Affen informiert wurde, kam ihr plötzlich ein neuer Gedanke. Warum nicht einfach die Wahrheit sagen? Nicht die ganze natürlich, aber einen Teil wenigstens. Fast hätte sie darüber lachen müssen, doch sie ließ sich nichts davon anmerken.
»Ja, ich habe wirklich eine Begleiterin«, erklärte sie. »Aber vor ihr braucht ihr keine Angst zu haben. Sie ist meine Tochter und schläft die ganze Zeit, denn sie ist verzaubert. Wir verstecken uns in der Höhle, damit der Zauberer, der den Bann über sie gesprochen hat, uns nicht findet, und ich versuche sie zu heilen und vor weiterem Schaden zu bewahren. Komm rein, du kannst sie dir ansehen, wenn du magst.«
Ihre sanfte Stimme beruhigte Ama, doch ein Rest Angst blieb, und was Mrs Coulter von dem Zauberer gesagt hatte, steigerte noch ihre Scheu. Der goldene Affe allerdings streichelte ihren Dæmon so zärtlich und sie war so neugierig, dass sie Mrs Coulter in die Höhle folgte.
Ihr Vater unten auf dem Weg trat einen Schritt vor, und sein Dæmon in Gestalt einer Krähe hob ein-, zweimal die Flügel, doch der Mann blieb, wo er war.
Draußen wurde es rasch dunkel. Mrs Coulter zündete eine Kerze an und führte Ama in den hinteren Teil der Höhle. Das Mädchen sah sich mit großen, dunklen Augen um und schlug mehrfach rasch die Finger aneinander, immer den Zeigefinger der einen Hand auf den Daumen der anderen, um die bösen Geister zu verwirren und die von ihnen drohende Gefahr abzuwehren.
»Siehst du?«, sagte Mrs Coulter. »Sie tut niemandem etwas. Du brauchst keine Angst zu haben.«
Ama betrachtete die Gestalt im Schlafsack, ein Mädchen vielleicht drei oder vier Jahre älter als sie. Seine Haare wiesen eine Farbe auf, wie Ama sie noch nie gesehen hatte – ein leuchtendes Gelbbraun wie das Fell eines Löwen. Es hatte die Lippen zusammengepresst und schlief tief und fest, was schon daraus hervorging, dass sein Dæmon bewusstlos an seinen Hals gekuschelt lag. Er sah aus wie ein Mungo, nur mit rotgoldenem Fell und kleiner. Der goldene Affe kraulte behutsam das Fell zwischen den Ohren des schlafenden Dæmons, und das mungoähnliche Wesen bewegte sich unruhig und stieß ein heiseres, leises Miauen aus. Amas Dæmon drückte sich in Gestalt einer Maus fest an ihren Hals und spähte ängstlich durch ihre Haare.
»Jetzt kannst du deinem Vater sagen, was du gesehen hast«, fuhr Mrs Coulter fort. »Keinen bösen Geist, nur meine Tochter, auf die ich aufpasse, weil sie verzaubert worden ist und schläft. Aber sag deinem Vater bitte, dass das ein Geheimnis bleiben muss, Ama. Niemand außer euch beiden darf wissen, dass Lyra hier ist. Wenn der Zauberer davon erfährt, kommt er und tötet sie, mich und alle, die hier leben. Also, behalte das für dich! Sag es deinem Vater, aber sonst niemandem.«
Sie kniete sich neben Lyra hin, strich einige feuchte Haarsträhnen aus dem schlafenden Gesicht, beugte sich ganz hinunter und küsste ihre Tochter auf die Wange. Dann sah sie traurig und liebevoll wieder auf und lächelte Ama mit einer so tapfer getragenen, unendlichen Wehmut an, dass dem kleinen Mädchen Tränen in die Augen stiegen.
Mrs Coulter nahm Ama an der Hand und ging mit ihr zum Eingang der Höhle zurück. Der Vater des Mädchens sah ängstlich von unten herauf. Mrs Coulter legte die Hände zusammen und verneigte sich vor ihm, und er erwiderte den Gruß erleichtert. Seine Tochter verneigte sich ebenfalls vor Mrs Coulter und dem verzauberten Mädchen, dann sprang sie im Halbdunkel den Hang hinunter. Noch einmal verbeugten Vater und Tochter sich in Richtung der Höhle, dann drehten sie sich um und verschwanden im Schatten der üppig wuchernden Rhododendren.
Mrs Coulter wandte sich wieder dem Wasser auf dem Herd zu, das schon fast kochte.
Sie ging davor in die Hocke und krümelte einige getrocknete Blätter in das Wasser, fügte zwei Prisen aus diesem und eine aus jenem Säckchen hinzu, ferner drei Tropfen eines hellgelben Öls, rührte hurtig um und zählte dabei auf fünf Minuten. Dann nahm sie den Topf vom Herd und setzte sich hin, um zu warten, bis der Sud abgekühlt war.
In der Höhle befanden sich einige Ausrüstungsgegenstände aus dem Lager am blauen See, wo Sir Charles Latrom ums Leben gekommen war: ein Schlafsack, ein Rucksack mit Kleidern zum Wechseln, Waschsachen und noch einiges mehr. Auch eine mit Kapok gefütterte Leinentasche mit einem stabilen Holzrahmen stand dabei, die verschiedene Instrumente enthielt. Daneben lag in einem Holster eine Pistole.
Der Sud kühlte in der dünnen Luft rasch ab. Sobald er die Temperatur von Blut erreicht hatte, goss Mrs Coulter ihn sorgfältig in einen Becher aus Blech...