Sendker | Am anderen Ende der Nacht (Die China-Trilogie 3) | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 352 Seiten

Reihe: Die China-Trilogie

Sendker Am anderen Ende der Nacht (Die China-Trilogie 3)

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-12583-7
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 352 Seiten

Reihe: Die China-Trilogie

ISBN: 978-3-641-12583-7
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine bewegende Geschichte über die Macht der Liebe, die Angst des Verlustes und die Kraft der Menschlichkeit

Auf einer Chinareise erleben Paul und Christine einen Albtraum: Ihr vierjähriger Sohn wird entführt. Zwar gelangt David durch glückliche Umstände wieder zu ihnen, doch die Entführer geben nicht auf, sie wollen ihn zurück. Der einzig sichere Ort für die Familie ist die amerikanische Botschaft in Peking. Aber Bahnhöfe, Straßen und Flughäfen werden überwacht. Ohne Hilfe haben sie keine Chance, dorthin zu gelangen. Wer ist bereit, ihnen Unterschlupf zu gewähren und dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen? Wem können sie trauen?

Am anderen Ende der Nacht erzählt von Menschen, die nicht mehr viel zu verlieren haben und sich gerade deshalb ihre Menschlichkeit bewahren.
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II

Das Moshan-Kloster lag nur wenige Kilometer vom »Platz des Volkes« entfernt, trotzdem benötigte ihr Taxi über eine halbe Stunde. Auf dem sechsspurigen Boulevard ging es nur im Schritttempo vorwärts, wenn überhaupt. Der Fahrer fluchte. Er wechselte fortwährend die Spur, bis Zhang ihn bat, damit aufzuhören. Sie seien nicht auf der Flucht, auch wenn es auf den ersten Blick diesen Anschein gehabt haben mochte. Sie wichen auf einen Schleichweg aus und standen wieder im Stau.

Paul ertrug die Enge im Auto und den Stillstand auf der Straße nur schwer. Er hasste es, sein Tempo nicht kontrollieren zu können, und fühlte sich eingesperrt. Noch immer hatte er den Gesang der Massen im Ohr. Die wortlose Stille im Wagen ließ den Chor noch lauter klingen. Am liebsten wäre er ausgestiegen und zu Fuß weitergegangen.

Zhang saß stumm neben ihm und betrachtete ein Foto Mao Zedongs, das am Rückspiegel baumelte, darunter klebte eine weiße Plastikbüste des Großen Vorsitzenden auf dem Armaturenbrett. Paul sah ihm an, wie aufgewühlt er war. Der große Spuckefleck auf seiner Brust war noch immer nicht ganz getrocknet.

Das Taxi bog in eine Nebenstraße in der Nähe des Klosters. Sie stiegen aus, und Zhang begann auf einem kleinen Markt einzukaufen. Wie früher, dachte Paul und freute sich über diese Vertrautheit. Für einen kurzen und doch zu langen Moment hatte ihn der Anblick seines Freundes in der grauen Mönchskutte irritiert. Er hat die Uniform getauscht, war es Paul durch den Kopf geschossen.

Die eines Polizisten gegen die eines Mönchs.

Der Gedanke verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war, unangenehm berührt hatte er Paul dennoch. Er kannte Zhang seit fast dreißig Jahren. Sie waren sich auf einer der ersten Reisen Pauls nach China begegnet. Zhang war damals Streifenpolizist in Shenzhen und hatte den fremden Besucher auf einer öffentlichen Toilette vor einer neugierigen Menge schützen müssen. Mit den Jahren waren sie Freunde geworden. Kein Mensch auf der Welt, von Christine vielleicht abgesehen, war ihm vertrauter.

Vor drei Jahren hatte Zhang von einem Tag auf den anderen den Polizeidienst quittiert. Er war als junger Mann nach Shenzhen gekommen und schnell von einem einfachen Streifenpolizisten zum Inspektor bei der Mordkommission aufgestiegen. In den folgenden knapp dreißig Jahren wurde er mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit bei Beförderungen übergangen. Die offizielle Begründung dafür waren sein buddhistischer Glaube und seine Weigerung, der Kommunistischen Partei wieder beizutreten, nachdem man ihn in den achtziger Jahren während einer Säuberungsaktion gegen »spirituelle Verschmutzung« ausgeschlossen hatte. Beides hätten die Kader ihm vermutlich noch verziehen, zumal er einer der besten und fleißigsten Kommissare war. Was ihn in den Augen seiner Vorgesetzten wirklich für höhere Aufgaben diskreditierte, war seine Redlichkeit. Zhang weigerte sich beharrlich, Schutzgelder von Restaurants, Bars, Hotels, Prostituierten oder illegalen Arbeitern vom Lande zu erpressen. Sogar die Umschläge mit Bargeld, die Zigaretten, den Whiskey und all die anderen Geschenke zum chinesischen Neujahr lehnte er höflich, aber bestimmt ab.

Eine Ehrlichkeit, die in der Familie Zhang oft zu Streit geführt hatte. Das Gehalt eines Kommissars und der Lohn einer Sekretärin genügten nicht, um von den Verheißungen der neuen Zeit zu profitieren. Es reichte weder für eine Eigentumswohnung noch für ein Auto. Nicht einmal einen regelmäßigen Einkaufsbummel in einem der neuen Shoppingcenter mit den vielen ausländischen Marken konnten sie sich leisten. Das Prada-Täschchen und der Chanel-Gürtel seiner Frau waren Plagiate der billigsten Sorte gewesen.

Und bei all den jahrelangen kleinen, aber stetigen Zänkereien und Streitigkeiten – Zhang hätte nicht einmal sagen können, wann es begonnen haben mochte – hatte sich ihre Liebe davongeschlichen.

Als er nach einem Korruptionsskandal zum Leiter der Mordkommission ernannt wurde und nur wenige Monate später zurücktrat, weil er wusste, dass er mit seiner Redlichkeit nur scheitern konnte, war es seiner Frau zu viel geworden.

Sie verließ ihn kurz darauf für einen deutschen Unternehmer. Ohne ein Wort zu sagen, war sie mit dem gemeinsamen Sohn ausgezogen. Als Zhang eines Abends vom Dienst kam, fehlte die Hälfte des Hausstands. Es sah aus, als hätte sie selbst die Pfefferkörner abgezählt und den Zucker abgewogen. Nun trug sie eine echte Prada-Tasche und lebte in einem der Villenviertel am Rande Shenzhens, in das sich reiche Ausländer und noch reichere Chinesen zurückzogen.

Die Trennung nach zwanzig Jahren Ehe setzte seinem Freund zu. Paul und er verbrachten in den folgenden Wochen und Monaten viel Zeit miteinander, und eines Abends sagte ihm Zhang, dass er gekündigt habe, in seine Heimat Sichuan zurückkehren und in ein buddhistisches Kloster eintreten werde.

Paul war enttäuscht und gekränkt. Enttäuscht, weil Zhang der einzige Freund war, den er je gehabt hatte, und er ihn vermissen würde. Gekränkt, weil ihn ebendieser Freund nicht ins Vertrauen gezogen, ihn nicht um Rat oder seine Meinung gefragt hatte.

Eine Woche später begleitete Paul ihn zum Flughafen. Er wollte sich verabschieden und mit dem Gepäck helfen. Doch Zhang reiste nur mit einer knallgelben Reisetasche aus Kunstleder, die so klein war, dass er sie nicht einmal aufgeben musste. Er sei vor dreißig Jahren mit nichts nach Shenzhen gekommen und wolle mit nichts die Stadt wieder verlassen.

Seit Zhangs Abschied hatten sie sich nicht mehr gesehen, nur hin und wieder telefoniert und unregelmäßig E-Mails geschrieben. Paul hatte fest vorgehabt, ihn zu besuchen, doch irgendetwas war immer dazwischengekommen.

Nun beobachtete er Zhang und sah seinen Freund, wie er ihn in Erinnerung hatte. Wie er sich skeptisch über die Tomaten beugte, den Pak Choy sorgfältig prüfte, ein Dutzend Auberginen in die Hand nahm, um die eine richtige zu finden. Wie er am Knoblauch und dem Sichuanpfeffer roch oder mit der Verkäuferin über die Qualität des frischen Tofu diskutierte. Seine Leidenschaft fürs Kochen hatte er ganz offensichtlich auch als Mönch nicht verloren.

Wie sehr hatte er Zhang in den vergangenen Jahren vermisst. Und wie leicht war es ihm gefallen, dieses Gefühl in Hongkong zu verdrängen.

Paul ahnte: Der Abschied in ein paar Tagen würde ihm schwerfallen.

Das Kloster war umgeben von einer roten, mehrere Meter hohen Mauer und lag versteckt in einer Neubausiedlung zwischen vierzigstöckigen Hochhäusern. Zhang führte sie in den Hof. An den Dachspitzen der drei Gebetstempel, die hintereinander in der Mitte standen, hingen rote Lampions und Laternen. Aus den Tempeln zogen Weihrauchschwaden in den Abendhimmel.

Sie gingen vorbei an Bergen von Bauschutt, Paletten mit neuen Dachziegeln und Backsteinen, an Holzbalken und Gerüsten. Über den Hof rannte eine Ratte.

David klammerte sich fest an seinen Vater, das Gesicht zwischen Schulter und Hals versteckt. Nur einmal hob er den Kopf und schaute sich um.

»Ich habe Hunger«, flüsterte er.

Die Küche war ein schlichter Raum mit einem langen Tisch, ein paar Hockern, einem Arbeitstresen, Herd und Spüle. In einem offenen Schrank standen Töpfe, Pfannen und Geschirr. Im Ofen loderte ein Feuer.

Zhang legte die Einkäufe ab.

»Was hältst du von vegetarischem Mapo Tofu, Lotuswurzel in süß-saurer Soße, kurz angebratenem Gemüse und zum Abschluss ein paar Dan-Dan-Nudeln. Für deinen Sohn brate ich einen Pfannkuchen mit Frühlingszwiebeln.«

»Mach dir nicht solche Arbeit. Reis und ein bisschen Gemüse reichen völlig.«

Zhang schaute ihn enttäuscht an. »Was ist denn mit dir los? Du willst unser Wiedersehen mit etwas Reis und Gemüse feiern?«

»Nein. Ich will nur nicht, dass du dir so viel Mühe machst.«

»Was heißt ich? Wir kochen zusammen.«

Zhang holte Messer, Bretter und Schalen aus dem Schrank und stellte sie vor ihnen auf den Tisch.

Paul war zu überrascht, um etwas zu erwidern. Noch nie hatte er seinem Freund beim Kochen zur Hand gehen dürfen.

Früher hatte Zhang in der Küche kaum ein Wort gesprochen. Wenn Paul etwas sagte, hörte er es nicht einmal, zu tief war er versunken in einer Welt aus Gerüchen und Gewürzen, aus Kräutern, Ölen, Pasten. Paul hatte lange geglaubt, Kochen sei für ihn nur eine andere Form des Meditierens, bis Zhang ihm die Geschichte vom alten Hu erzählte. Während der Kulturrevolution hatte er mit angesehen, wie Rotgardisten den alten Mann zu Tode prügelten, weil er es gewagt hatte, seiner Suppe aus der Küche der Kommune etwas Pfeffer hinzuzufügen. Das war Beweis genug für seine »dekadente, bourgeoise« Einstellung.

Die Suppe hatte für alle gleich zu schmecken.

Seit diesem Erlebnis, so gestand ihm Zhang, war für ihn jedes aufwendig und mit Mühe gekochte Essen ein Fest. Ein kleiner, stiller Triumph des Lebens über den Tod. Der Liebe über den Hass. Und je besser es schmeckte, je mehr der Gaumen gereizt, die Nase verwöhnt und der Magen gefüllt wurde, desto süßer war dieser Triumph. Nicht eine Mahlzeit konnte er zubereiten, ohne an Hu zu denken.

Er stellte eine Schale mit Wasser auf den Tisch und legte Lotuswurzeln, Tomaten, Zucchini, Frühlingszwiebeln, Paprika, Gurken und Karotten daneben.

»Hey, Kleiner, die kannst du waschen, wenn du willst«, sagte er an David gewandt.

Zu Pauls Erstaunen kniete sich sein Sohn auf einen Stuhl und begann mit der Arbeit. Gewissenhaft tauchte er das Gemüse ins Wasser, rieb es ab und zeigte Zhang jedes Stück. Der nickte anerkennend.

Paul nahm das gewaschene...


Sendker, Jan-Philipp
Jan-Philipp Sendker, geboren in Hamburg, war viele Jahre Amerika- und Asienkorrespondent des Stern. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt kehrte er nach Deutschland zurück. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam. Bei Blessing erschien 2000 seine eindringliche Porträtsammlung Risse in der Großen Mauer. Nach dem Roman-Bestseller Das Herzenhören (2002) folgten Das Flüstern der Schatten (2007), Drachenspiele (2009), Herzenstimmen (2012), Am anderen Ende der Nacht (2016), Das Geheimnis des alten Mönches (2017), Das Gedächtnis des Herzens (2019), Die Rebellin und der Dieb (2021) und Akikos stilles Glück (2024). Seine Romane sind in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Mit weltweit über 4 Millionen verkauften Büchern ist er einer der aktuell erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren.



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