E-Book, Deutsch, 386 Seiten
Sperl Burschen heraus! (Historischer Roman)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-145-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Befreiungskriege - Geschichte aus der Zeit unserer tiefsten Erniedrigung
E-Book, Deutsch, 386 Seiten
ISBN: 978-80-7583-145-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In August Sperls Buch 'Burschen heraus! (Historischer Roman)' tauchen die Leser ein in die turbulenten Zeiten des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Mit einem fesselnden literarischen Stil beschreibt Sperl die Geschichte einer Gruppe von jungen Männern, die sich während der Revolution von 1848 für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen. Durch die detaillierten Darstellungen der historischen Ereignisse und die lebendigen Charaktere wird der Leser in eine vergangene Ära versetzt. Dieses Werk kann als historischer Roman betrachtet werden, der sowohl unterhaltsam als auch informativ ist und Einblicke in die damalige politische Unruhe bietet.
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2. Höher hinan!
Inhaltsverzeichnis In vornehmer Ruhe starrten die Türme und Giebel des alten Grafenschlosses hoch droben auf dem schroffen Felsen über der kleinen Stadt in die flimmernde Sommerluft – in Ruhe und in sicherem Frieden, als gäbe es keine Franzosen und als stünden des Kaisers Heere anstatt der weitgedehnten Wälder auf den langgestreckten Hügeln hinter den grauen Mauern, des Kaisers Heere zu ihrem Schutz und Schirm. Und scheinbar in demütiger Ruhe blinkten die Schindeldächer des Städtleins drunten am Fuße des Felsens unter den Strahlen der Julisonne, friedlich, als hinge keine Proklamation Jourdans am schwarzen Brette des Rathauses, als dächte Schneider Koram an gar nichts anders, als an zerrissene Hosen und Röcke. Und selbstzufrieden, als hätte er heute vormittag höchsteigenhändig den letzten Strich getan am Defensionsplan des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, wandelte der wohledelgeborene Kanzleidirektor Blitz im Schatten der Linden um die Bollwerke der Haupt- und Residenzstadt seines gnädigsten Grafen und Herrn. Zweimal hatte er auf seinem Spaziergang in das obere Tor geguckt, aus dem die Straße steil anstieg zum Schlosse, zum zweiten Male kam er an das untere, das Bachtor, und zum zweiten Male legte der hochgräfliche Soldat gemächlich sein Strickzeug auf die Steinbank, ergriff sein Gewehr und präsentierte es vor dem höchsten Beamten der Grafschaft. Mit vornehmer Gelassenheit, genau so wie Seine hochgräfliche Exzellenz, nickte der Kanzleidirektor höchstseinen Dank; denn seinen Dreispitz trug er unter dem linken Arme. Und nun bog er in den schattigen Baumgang ein, zwischen dem die Straße zum Städtlein emporlief, und schritt würdevoll talwärts unter den Linden dahin. Er machte sich auf Befehl des hochgräflichen Leibarztes Motion, wie jeden Tag nach dem Mittagessen, eine Stunde lang. Und er war zufrieden mit sich und der Welt. Da rollte im scharfen Trabe eine herrschaftliche Kutsche die Straße herauf, und der Kanzleidirektor wechselte über den Graben auf die Wiese hinüber. Dort wartete er mit dem Dreispitz unter dem Arm. Ehe aber die Pferde auf gleiche Höhe kamen, streckte er das rechte Bein steif hinter sich und sank ins linke Knie. Diese Art der Reverenz hatte Seine hochgräfliche Exzellenz vor Jahren mit höchstem Wohlgefallen auf einem alten Holzschnitte entdeckt und sie allsogleich seiner gesamten Beamtenschaft durch ein gestrenges Mandat zur Vorschrift gemacht. Noch stand der Direktor unbewegt, da parierte der Kutscher die Pferde, und die schneidende Stimme des Grafen rief aus dem offenen Wagen zurück: »Blitz!« Der raffte sich auf und rannte an den Wagenschlag. Er machte sein demütig-freundlichstes Gesicht. Aber der alte, hagere Herr auf den seidenen Kissen sah ihn so streng an, daß ihm das untertänige Lächeln in einem angstvollen Grinsen erstarrte. »Blitz, Wir dächten, du hättest heute Wichtigeres zu tun, als da im Schatten herumzulaufen!« »Halten zu Gnaden, hochgräfliche Exzellenz, nur meine gewöhnliche nachmittägliche Motion auf ärztlichen Rat.« »Blitz, Wir fürchten, die Franzosen kommen. Welche Maßregeln hast du getroffen?« Nun hatte der Direktor seine Haltung wieder gewonnen. Er streckte sich wie ein Gockel und schlug mit den kurzen Ärmchen, als wären es Flügel. »Die Franzosen? Oh! Wir stehen unter dem Schutze Eurer hochgräflichen Exzellenz und des allmächtigen Gottes. Fürs erste vermute ich, daß sich die Franzosen überhaupt nicht so weit abseits verirren werden. Fürs zweite aber würden sie die unantastbare, durch die Jahrhunderte geheiligte Reichsstandschaft Eurer hochgräflichen Exzellenz ohne allen Zweifel respektieren müssen, und ein Hauch aus Höchst-Ihrem Munde würde genügen, alle Gefahr von Höchstdero Landen abzuhalten. Deshalb habe ich besondere Maßregeln bisher für unnötig erachtet.« »Dummes Geschwätz!« rief der Graf nicht ganz unfreundlich. »Diese Leute haben doch ihrem eigenen König den Kopf abgeschlagen, da werden sie auch einen deutschen Reichsgrafen nicht sonderlich respektieren. Jedenfalls aber müssen wir die Mauern unserer Residenzstadt besetzen. Und deshalb gedenken wir jetzo eine Revue über Unsre bewaffnete Macht abzuhalten. Hupf auf den Bock, Blitz!« »Aber hochgräfliche Exzellenz –?« »Allez – hupf!« Kanzleidirektor Blitz kletterte auf den Bock und saß nun barhäuptig, mit betrübtem Gesicht neben dem Kutscher. Die Pferde zogen an, und der Wagen rollte dem Tore entgegen. Der Wachsoldat rief in die Torstube, der Trommler rannte heraus und schlug einen Wirbel. Der Wachsoldat präsentierte, und der Wagen hielt. »Allez, auf den Marktplatz, Generalmarsch schlagen!« befahl der Graf. Und während sich der Trommler in Trab setzte, zogen die Pferde den Wagen schrittweise die enge Straße empor. – Am Grafenbrunnen stand der Trommler und bearbeitete wie wütend das Kalbfell. Zu Fuß kam der alte regierende Herr. Ihm folgte der Direktor. Vor dem Fetten Ochsen drüben hielt der Wagen. Kanzleidirektor Blitz stotterte seitwärts von hinten her: »Ich fürchte – hochgräfliche Exzellenz – die Soldateska ist nicht in der Verfassung, daß –« »Halt 's Maul, Blitz! Die Soldateska hat immer in Verfassung zu sein.« Ringsumher hatten sich die Fenster geöffnet, ringsumher streckten die Leute die Köpfe heraus, die Jugend rannte von allen Seiten herbei, der Trommler trommelte noch immer, und auf dem Grafenbrunnen stand der steinerne Ahnherr und sah vergnüglich über den alten Guckenkel zu seinen Füßen hinüber zur hohen Kirche. Der Graf hatte die goldene Sackuhr gezogen und starrte auf das Zifferblatt. »Fünf Minuten,« sagte er nach einer Weile. Der Mann am Brunnen schlug unaufhörlich das Kalbfell. »Zehn Minuten,« sagte nach einer Weile der Graf. »Halten zu Gnaden –« begann Blitz. »Maul halten!« entschied der Graf. Und als die Zeit um war, sagte er mit hohler Stimme: »Fünfzehn Minuten –!« »Jetzt kommt der Hauptmann!« rief Blitz erleichtert. Der große, dicke Hauptmann rannte quer über den Markt und hängte sich soeben noch den Säbel um die Schulter. Da winkte der Graf dem Trommler ab. Keuchend stand der Hauptmann vor seinem Landesherrn. Und nun stolperten auch von der andern Seite her, hintereinander, drei Soldaten über das Pflaster und stellten sich vor dem Brunnen in einer Reihe auf. Zwei von ihnen waren mit Gewehren bewaffnet. »Sind das alle Unsere Soldaten?« fragte der Landesherr verwundert. »Im ganzen sind's elf hochgräfliche Jägergardisten zu Fuß und ein Leutnant,« meldete der Hauptmann. »Ja, wo sind denn aber Unsere anderen Soldaten?« fragte der Graf. Und fragend wandte sich der Hauptmann zu der bewaffneten Macht. »Unser zwei haben die Torwacht,« meldete der Gefreite Günzel. Der Graf zählte an den Fingern: »Sind fünf, mit dem Trommler sechs. Und wo sind Unsere fünf anderen Soldaten?« »Der Scholl ist zum Schweineschneiden über Land gegangen,« meldete der Gefreite. »Dazu hab' ich ihm Urlaub gegeben,« bekannte der Hauptmann. »Und der Wagner hat das Zipperle, der liegt im Bett,« sagte der Gefreite. »Sind acht,« bemerkte Seine hochgräfliche Exzellenz. »Und der Endersch und der Löblein –.« Der Gefreite räusperte sich und präsentierte krampfhaft sein Gewehr. »Wo ist der Endersch und der Löblein?« forschte der Graf. »Der Endersch tut schlafen, und ich kann ihn nit wach kriegen,« sagte der Gefreite. »Und warum schläft Unser Soldat Endersch –?« Die Stimme des Grafen zitterte merklich. »Halten zu Gnaden, hochgräfliche Exzellenz, weil er gestern nacht dem Herrn Kanzleidirektor seinen Abtritt geräumt hat.« »Sind neune,« sagte der Graf mit Haltung. »Und wo ist Unser zehnter Soldat?« »Der Löblein muß doch dem Herrn Kanzleirat Müller alle Tage die Gäns hüten,« sagte der Gefreite. »Sind zehn,« rechnete der Graf. »Und wo ist Unser elfter Soldat?« Der Gefreite schwieg und sah auf den Direktor. Der wurde rot und blaß, preßte seinen Hut noch fester unter die Achsel, nahm einen Anlauf und stotterte: »Es könnte sein – ich vermute – es ist mir, als ob der Jägergardist Grenkel unsern Mägden beistehe – ja wohl, ich glaube, meine liebe Frau läßt heute Bettfedern schleißen, und da hilft er.« »Und wo ist Unser Leutnant?« forschte grollend der Graf. »Der Leutnant von Tibaldi ist über Land, ins Preußische gefahren,« meldete der Hauptmann. »Und warum ist Unser Leutnant von Tibaldi über Land ins Königlich preußische Territorium gefahren?« Der Graf bebte nun vor Zorn. »Halten zu Gnaden, hochgräfliche Exzellenz, des Leutnants Frau Tochter ist von einem Knaben entbunden worden, und da feiert der Leutnant die Taufe seines Enkelsohnes,« bekannte der Hauptmann. Allgemach waren aus den Haustüren ringsumher die Leute gekommen und erlustierten sich, wie der alte Herr die Schau hielt über seine Truppen. Da wandte sich dieser und sah in einiger Entfernung hinter sich einen großen Haufen Menschen stehen. Vor diesem Haufen aber stand der Schneider Koram mit der roten Mütze auf dem Schädel. »Gute Leute, was wollt ihr denn eigentlich? Haltet doch nicht Maulaffen feil am hellen Alltag, sondern geht an eure Hantierung!« rief der Graf. Die guten Leute standen unbewegt; der eine und der andere stieß seinen Nachbarn in die Seite, der Schneider Koram aber warf seine rote Mütze empor...