Steinhöfel | Trügerische Stille | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Steinhöfel Trügerische Stille


10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92013-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-646-92013-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Logo fährt mit seiner Familie drei Wochen an den Waldensee in die Ferien. Auf der Hinfahrt begegnen sie dem Mädchen Carla und ihren Eltern. Und auch wenn Logo Carla nur kurz gesehen hat, geht ihm das Mädchen nicht mehr aus dem Sinn. Er macht sich auf die Suche nach ihr, doch als er sie endlich findet, gibt sie sich verschlossen und unnahbar und verhält sich seltsam, wirft Blumen in den See oder legt sie auf ein imaginäres Grab. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr, das spürt Logo genau. Als die beiden dann doch einmal gemeinsam schwimmen gehen, entdeckt er die bittere Wahrheit: Carla wird von ihrem Vater geschlagen. Doch als Logo ihn zur Rede stellen will, wehrt Carla massiv ab. Was Logo nicht wissen kann: Carlas Eltern sind vor ein paar Tagen, kurz nach ihrer ersten Begegnung, bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihr Wagen ist in den Waldensee gestürzt. Und trotz allem sehnt sich Carla danach, ihnen nahe zu sein ...

Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren. Er ist Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. Nach Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und Tomi Ungerer hat Andreas Steinhöfel 2009 den Erich Kästner Preis für Literatur verliehen bekommen. 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Zudem wurde er für den ALMA und den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Serie über Rico und Oskar wurde sehr erfolgreich fürs Kino verfilmt. Zusätzlich zu seiner Autorentätigkeit arbeitet er als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher. Seit 2015 betätigt er sich in seiner Filmfirma sad ORIGAMI als Produzent von Kinderfilmen.
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2


Meistens polterte Mami bereits mit einer Mischung aus guter Laune und ungebremstem Tatendrang durch das Haus, wenn der Rest der Familie sich gerade erst aus den Betten quälte. Es konnte passieren, dass man um fünf Uhr morgens vom Staubsauger oder vom Schleudergang der Waschmaschine aus dem Schlaf geschreckt wurde oder davon, dass mitten in der Nacht Töpfe schepperten und Gläser klirrten, weil sie plötzlich auf die Idee gekommen war, Obst einzukochen.

Am Morgen der Abreise wurde ich ausnahmsweise nicht durch ihren Lärm geweckt, sondern von der außergewöhnlichen Ruhe, die über dem Haus lag. Ich öffnete die Augen und blinzelte zur Zimmerdecke. Es war nicht Mamis Art, am ersten Urlaubstag zu verschlafen. Wahrscheinlich stand sie seit Stunden vor einer Bäckerei und verfluchte deren Inhaber dafür, dass er seinen Laden erst um sieben Uhr öffnete. Ich sah auf den Wecker, der neben meinem Bett auf dem Boden stand. Viertel vor.

Ich rappelte mich auf, ging ans Fenster und beugte mich hinaus. Im frühen Sonnenlicht lag die Straße unter mir wie ausgestorben. Über die bunten Blumenbeete in den Vorgärten der dicht aneinander gereihten Häuser strich warmer Wind. In wenigen Stunden würde er unerträglich heiß sein. In wenigen Stunden würde ich durch das Wasser des Waldensees schwimmen, dann konnte mir die verfluchte Hitze den Buckel runterrutschen. Der Gedanke daran machte mich hellwach. Ich schlüpfte in T-Shirt und Boxershorts und stürmte aus dem Zimmer hinaus ins Treppenhaus.

Um ein Haar wäre ich über Margarethe gestürzt. Sie hockte auf der obersten Treppenstufe, nackt bis auf ihre neue rote Badehose, und summte gedankenverloren eine traurige kleine Melodie. In der einen Hand hielt sie den Rest einer dick mit Marmelade bekleisterten, angebrannten Scheibe Toast, in der anderen ein Glas Milch. Versunken in ihre Musik wiegte sie sich leicht hin und her und starrte verträumt in die Luft. Das Summen verstummte, als ich mich neben sie setzte und sie angrinste.

»Was machst du denn schon so früh hier?«

»Essen.«

So viel hatte ich auch schon bemerkt. Ungefähr die Hälfte ihres einsamen kleinen Frühstücks klebte in Margarethes Gesicht und in dem Wasserfall schwarzer Haare, der sich über ihre Schultern ergoss.

»Noch jemand wach außer dir?«

»Nur Mami. Sie holt Oma ab.«

Ein Klacks Marmelade rutschte ihr von der Backe und landete auf einem Knie. Sie beugte sich nach vorne, leckte ihn sorgfältig ab und sah mich an.

»Wann fahren wir?«

»Dauert noch eine Weile . . . Lässt du mich mal beißen?«

Sie nickte und hielt mir den Toast unter die Nase.

Mami hatte sich in den Kopf gesetzt uns zu einem Höchstmaß an Selbstständigkeit zu erziehen. Sie legte größten Wert darauf, dass jeder von uns, die Zwillinge eingeschlossen, sich selber sein Frühstück machte. Sie erledigte alle Einkäufe und sie hätte uns auch nicht verhungern lassen, wenn es darauf angekommen wäre. Aber im Großen und Ganzen waren wir auf uns allein gestellt.

»Wann ist sie weggefahren?«, fragte ich kauend.

»Vorhin.« Margarethe trank einen Schluck Milch. Sie stellte das Glas ab und sah mich ernst an. »Logo?«

»Hm?«

»Kann ich Flossie mitfahren?«

»Mitnehmen, oder ohne ›ich‹. Ich weiß nicht. Frag Paps.«

Flossie war ein unglaublich hässlicher Goldfisch mit hektisch wedelnden Flossen und müden Glupschaugen und ich hatte nie verstanden, was Margarethe an ihm so toll fand. Sie konnte Stunden vor seinem Aquarium verbringen ohne sich dabei zu langweilen.

»Und wenn ich nicht darf?«

»Dann bleibt Flossie zu Hause und Frau Gebhard von nebenan wird sich um ihn kümmern.«

Margarethe trank schweigend einen weiteren Schluck Milch. Ich legte ihr einen Arm um die Schultern und sie presste sich dicht an mich. »Schatz, mach dir keine Gedanken! Du kannst doch bestimmt drei Wochen ohne Flossie auskommen, oder?«

Sie schob sich nachdenklich das letzte Stück Toast in den Mund, kaute und überlegte, kaute und überlegte.

»Das macht mir gar nix«, sagte sie schließlich.

Aber als ich in der Küche stand um mir selber Frühstück zuzubereiten, hörte ich sie wieder summen. Leise, geisterhaft und trauriger als zuvor schwebte die Melodie durch das stille Haus.

Eine Stunde später standen Oma und ich auf der Straße und schauten Paps beim Beladen des VW-Busses zu. Der Wagen war ein echtes Fossil, alt, klapprig und voller Rostflecken, die unter dem grünen Lack hervorschauten. Für den Urlaub war er genau richtig. Mit sieben Personen und Gepäck hätten wir niemals in den Kombi gepasst, den wir sonst benutzten.

Etwas weiter abseits stand der Anhänger mit dem Segelboot. Die Lavinia war eine kleine, eigentlich nur für zwei Leute gedachte Jolle, trug aber spielend auch drei Personen. Papa segelte leidenschaftlich gern. Es war das einzige Hobby, das er und ich teilten.

Es war gerade erst acht Uhr, doch die Sonnenstrahlen stachen bereits wie durch ein Brennglas gebündelt vom Himmel herunter. Paps hatte so wie ich nur Shorts und ein weißes T-Shirt an. Oma trug ein rosa Kostüm und ein dazu passendes Hütchen. Sie sah aus wie eine Karikatur der englischen Königinmutter.

»Wie geht’s Frau Rössner?«, fragte ich sie.

Sie biss kräftig in ein frisches Brötchen, das sie aus der Küche mitgebracht hatte. »Ich hab die zwei letzten gesunden Zähne erwischt, die sie noch hatte«, erklärte sie mit vollem Mund. »Jetzt kriegt sie ein komplett neues Gebiss. Teurer als meins, wahrscheinlich.«

»Wie schön für sie!«, giftete Paps. Auf seiner Stirn stand glänzender Schweiß. Er schob Omas Reisetasche in den schon reichlich voll gestopften Bus und packte einen Koffer drauf. Das Resultat war mehr als wackelig. »Wenn ich du wäre, würde ich mich schämen.«

Die Königinmutter ließ das Brötchen sinken. »Ich hab mich schon geschämt«, erwiderte sie würdevoll.

Sie war noch gestern Abend mit einem großen Blumenstrauß bei Luise Rössner aufgekreuzt um sich in aller Form bei ihr zu entschuldigen. Frau Rössner hatte erst geweint und sie beschimpft, dann hatte sie zur Feier der Versöhnung eine Flasche Sekt springen lassen. Oma hatte, reichlich angetrunken, zum zweiten Mal an diesem Tag ein Taxi nehmen müssen.

Sie hatte Mami die ganze Geschichte gebeichtet, bevor sie bei uns eingetrudelt waren. Mamis Reaktion war erstaunlich gelassen ausgefallen. Sie hatte lediglich gesagt, Oma sei alt genug um zu wissen, was sie tue. Wahrscheinlich wollte sie keinen Streit vom Zaun brechen, bevor wir überhaupt losgefahren waren.

Paps zerrte Koffer und Reisetaschen wieder aus dem Bus und versetzte beiden einen ungeduldigen Tritt.

»Pass auf mit der Tasche«, sagte Oma besorgt.

»Ja, ja. Meldest du den Fall deiner Versicherung?«

Seine Frage entsprang professionellem Interesse. Papa war Vertreter bei einer Versicherungsagentur.

»Weiß nicht.« Oma schob ihren Hut zurecht. »Ich müsste ein bisschen schummeln, nicht? Ich müsste behaupten, es wäre ein Unfall gewesen oder so was.«

Es war ein klassischer Annäherungsversuch.

»Genau«, sagte Paps. Diesmal landete der Koffer unten und die Reisetasche oben. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden das Ergebnis seiner Bemühungen, das genauso wackelig war wie zuvor. »Soll ich dir dabei helfen? Unfallhergang und solche Sachen?«

»Das wäre sehr nett.«

»Gemacht.« Er schubste die Reisetasche vorsichtig an. Sie kippte nach links. »Das ist doch . . .! Logo, gib mir mal den Liegestuhl. Nein, lass mich das machen! Geh rein und sag Bescheid, dass wir bald fahren können.«

»Okay.«

Ich hatte die Koffer und allen möglichen Krempel aus dem Haus geschleppt, ohne dass Paps einen Finger rühren musste. Er hatte den halben Hausstand verpackt, als wollten wir zum Camping fahren und nicht in ein Ferienhaus. Wenn er das Beladen des Busses jetzt unbedingt allein übernehmen wollte, würde ich ihn nicht aufhalten. Paps hatte seine kleinen Eitelkeiten, zu denen es gehörte, den Organisator zu spielen, wann immer er konnte.

Ich ließ ihn und Oma auf der Straße stehen und ging langsam auf das Haus zu. Hinter mir ertönte ein dumpfer Laut, als die Reisetasche aus dem Bus heraus auf die Straße fiel. Etwas klirrte.

»Scheiße!«, fluchte Paps.

»Kölnisch Wasser«, sagte Oma ruhig.

Aus dem Wohnzimmer leuchteten mir Huschs blonde Haare entgegen. Er kniete auf dem hellen Teppichboden, zwischen Kiefernmöbeln und Polstersesseln, und blätterte in einem Bilderbuch. Mamis Selbstständigkeitsgebot entsprechend, hatte er sich allein angezogen. Wie er die Fahrt in Pullover, Jeans und Gummistiefeln überstehen wollte, war mir allerdings ein Rätsel.

»Husch?«

Er sah von dem Buch auf, das sich bei näherer Betrachtung als der Bildband über das Weltall entpuppte, den Paps und Mami mir zum Geburtstag geschenkt hatten. Einzelne Planeten schwebten wie bunte Bälle vor einem schwarzen Hintergrund.

»Wir fahren bald. Bist du fertig?«

Er nickte.

»Fein. Hast du Margarethe gesehen?«

Er deutete zum Fenster hinaus und lächelte mich an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zuwandte.

Ich hatte mich schon so sehr an Huschs wortlose Antworten gewöhnt, dass mir seine Stummheit kaum noch auffiel. Aber es gab Augenblicke wie diesen, in denen ich überlegte, was er damals wohl gefühlt hatte, als seine kleine Welt für...


Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren. Er ist Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. "Die Mitte der Welt". Für "Rico, Oskar und die Tieferschatten" erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. Nach Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und Tomi Ungerer hat Andreas Steinhöfel 2009 den Erich Kästner Preis für Literatur verliehen bekommen. 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Serie über Rico und Oskar wurde sehr erfolgreich fürs Kino verfilmt. Zusätzlich zu seiner Autorentätigkeit arbeitet er als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher. Seit 2015 betätigt er sich in seiner Filmfirma sad ORIGAMI als Produzent von Kinderfilmen.



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