E-Book, Deutsch, 236 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm
Reihe: Memoranda
Steinmüller Rückblick auf das Lichte Morgen
Erstausgabe
ISBN: 978-3-911391-09-2
Verlag: Memoranda
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Essays zu SF und Phantastik in der DDR
E-Book, Deutsch, 236 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm
Reihe: Memoranda
ISBN: 978-3-911391-09-2
Verlag: Memoranda
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nachdem im vorhergehenden Band Vorgriff auf das Lichte Morgen die DDR-Science-Fiction der fünfziger und sechziger Jahre im Mittelpunkt stand, präsentiert der vorliegende Band einzelne Essays zu verschiedenen Einzelthemen im Kontext der SF und Phantastik der DDR sowie zwei Artikel von Karlheinz Steinmüller, die für DDR-Publikationen entstanden und damals aktuelle Diskussionen aufnahmen. Sieben Rezensionen behandeln vor und nach der Wende erschienene Bücher von DDR-SF-Autoren. Persönlich gefärbte Rückblicke auf die DDR-SF sowie ein Gedankenexperiment eröffnen und schließen den Band.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist der Beitrag »Die befohlene Zukunft: DDR-Science-Fiction und Zensur«
Autoren/Hrsg.
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Von Birnen, falschen Männern im Mond und transsolaren Geschenken Ein Rückblick auf die DDR-SF in den Apollo-Jahren 21. Juli 1969 gegen vier Uhr morgens: Science Fiction als Reality TV. Neil Armstrong tappt auf den Mond und gibt eine gewichtige Sentenz von sich: »Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.« – Carlos Rasch hätte es nicht großspuriger ausdrücken können! Für junge SF-Fans wie mich war der Mondflug eine wundervolle Bestätigung, daß auch verrückte Visionen einmal Wirklichkeit werden können. Was kam als nächstes? Ein Flug zum Mars? Der erste Kontakt mit den Außerirdischen? Und wann würden die Sowjets nachziehen? Wer die erste Weltraumstation errichten? Zugleich spürte ich, daß nach Apollo 11 der nahe Weltraum als Spielfeld für Science Fiction uninteressant geworden war. Was also kam in der utopischen Literatur als nächstes? Ich, ein frischgebackener Physikstudent, ging durch Chemnitz, das damals Karl-Marx-Stadt hieß, schaute in die Buchläden rechts und links der Straße der Nationen, blieb in der Agricola-Buchhandlung hängen oder im Antiquariat Rosenhof, stattete dem »Internationalen Buch« eine Stippvisite ab oder durchstöberte die Evangelische Buchhandlung Max Müller, immer auf der Suche nach Science Fiction, neu oder alt, deutsch, russisch oder englisch. Neue SF von DDR-Autoren war und blieb Bückware, selbst die Kompaß-Taschenbücher mit oft brutal gekürzten Romanen von Jules Verne, erhältlich an Zeitungskiosken, waren schnell ausverkauft, man mußte Glück haben und zulangen, wenn man ein Bändchen erspähte. Egal was, ich kaufte, solange es nur irgendwie utopisch, phantastisch oder sonstwie unirdisch anmutete. Wenn man es recht betrachtet, waren die späten 1960er, frühen 1970er gute Jahre für die DDR-SF, Jahre, in denen sie Abschied vom utopischen Betriebsroman à la Vieweg und del’Antonio nahm. Die Apollo-Missionen selbst hatten gewiß keinen direkten Einfluß, aber Veränderung lag in der Luft. Vor allem meldete sich um 1970 eine neue Autorengeneration mit neuen Themen und neuen Sichtweisen zu Wort, allen voran Günter und Johanna Braun. Gut, ihr Buch Die Nase des Neandertalers (1969) enthielt lediglich zwei SF-Erzählungen, die ich zudem schon aus der Zeitschrift Magazin kannte,[1] und mit der verhalten ironischen, verhalten satirischen Schreibweise der Brauns mußte ich mich erst anfreunden, aber als ich drei Jahre später den Roman Der Irrtum des Großen Zauberers las, staunte ich nicht schlecht: Da hielt ich doch tatsächlich eine Art sanfter Antiutopie made in GDR in der Hand! Der Große Zauberer entpuppt sich als Diktator, das Volk wird durch den Zwangsgenuß einer glücklich und zufrieden machenden Birne verblödet, Maschinen erledigen alle Arbeiten, der junge Held, Adoptivsohn des Diktators, beginnt zu rebellieren. Und nebenbei gab der Roman eine witzige Kybernetik-Satire ab. Bücher wie die der Brauns waren noch die Ausnahme, und noch kam es mir bei der Lektüre primär auf den sense of wonder an, großartige Visionen, völlig neuartige, ungewohnte Ideen, grandiose, möglichst kosmische Perspektiven für die Menschheit. An Stanislaw Lem – besonders an seinen Roman Der Unbesiegbare (1967) – reichte in dieser Beziehung vorerst keiner der DDR-Autoren heran. Eher subtile, leise Romane, nahe an der Gegenwartsliteratur und aufs Psychologische ausgerichtet – wie etwa Silvanus kontra Silvanus (1969) von Klaus Beuchler – konnten mich nicht fesseln. Aber als weitaus langweiliger empfand ich die Nachhut der utopischen Betriebsromane, etwa Wolf D. Brenneckes Die Straße durch den Urwald (1971; Kennt den noch jemand? – Gut so.) oder auch Alexander Krögers Antarktis 2020 (1973). Das hatte ich in ähnlicher Form alles schon einmal gelesen, und sense of wonder? – Fehlanzeige. Rein quantitativ besserte sich die Situation entschieden. Waren in den 1960ern pro Jahr etwa zwei, drei SF-Romane von DDR-Autoren erschienen, so stieg deren Anzahl 1972 auf fünf und 1973 auf sagenhafte sieben Stück! Noch fulminanter war die Entwicklung bei den Erzählungen: Von etwa sechs pro Jahr schoß deren Anzahl gegen Ende der 1960er auf über ein Dutzend und 1973 sogar auf 29 hoch. Nicht, daß dies als Lektüre für ein Jahr genügt hätte, aber es lohnte sich nun schon, jede Woche in einer befreundeten Buchhandlung nachzufragen, ob etwas Utopisches hereingekommen sei. Gleichzeitig mußte ich mich an neue Namen gewöhnen. Karl-Heinz Tuschel und später Klaus Frühauf gaben ihr Debüt. Gerhard Branstner, vor kurzem noch Cheflektor beim Eulenspiegel-Verlag, experimentierte mit humoristischer SF auf sozialistisch-didaktischer Grundlage. Vor einigen Jahren hatte ich seine Erzählung »Kumpelfings im Weltraum« fast als eine persönliche Beleidigung empfunden: Da verhohnepiepelte doch einer meine geliebte Science Fiction! Die Reise zum Stern Beschwingten (1968) und Der falsche Mann im Mond (1970) gefielen mir da schon besser, obwohl es sich immer noch um den Mißbrauch von Science Fiction zu humoristischen Zwecken handelte. Illustration zu Besuch auf der Erde von Gerhard Branstner Aber so viel stand fest: Allein die Heldentaten der kühnen Eroberer des Kosmos in den unendlichen leeren Weiten des Alls reichten in den Apollo-Jahren nicht mehr aus. Auch die Zeiten der interplanetarischen Revolution waren vorbei. Endlich mußten sich die Kosmonauten nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, ob sie den unterdrückten Völkern fremder Gestirne mit ihrer terrestrisch-kommunistischen Supertechnologie im Klassenkampf gegen die außerirdischen Ausbeuter beispringen sollten. Statt dessen stand die Konfrontation mit fremdartigen Lebensformen, fremdartigen Intelligenzen auf dem Programm. Hubert Horstmann schilderte sie in Die Rätsel des Silbermonds (1971), Hans Prüfer in Planet der Träume (1973), Richard Funk in Gerichtstag auf Epsi (1973). Als Leser hatte ich bisweilen den Eindruck, daß sich die Raumschiffbesatzungen reichlich begriffsstutzig verhielten, einfach so ausstiegen und blind herumtappten! Offensichtlich hatten sie auf der Raumakademie lediglich gelernt, wie man Luftschleusen öffnet. Ich ahnte ja gleich, daß die merkwürdigen Riesenpfifferlinge auf Titan eigentlich intelligente Lebewesen waren. Wenn ich Glück hatte, gelang es dem Autor wenigstens, eine fremdplanetarische Szenerie eindringlich zu schildern. Überhaupt sahen die Außerirdischen nicht mehr den Menschen so verblüffend ähnlich, verlebt, fies und verkniffen die außerirdischen Ausbeuter, hochwüchsig, schön und physisch fit die Bewohner klassenloser Welten. Nein, jetzt füllten pflanzenhafte Wesen die Buchseiten: Mit ihrer vegetabilen Genügsamkeit waren sie gesellschaftlich in eine Sackgasse geraten. (Veganer waren damals noch kein Thema.) Oder es handelte sich um Gliederfüßer, bei denen man nicht so recht wußte, welcher biologischen Gattung und vor allem welcher sozialen Klasse sie angehörten und ob sie gleich zubeißen würden. Unser Lektor Helmut Fickelscherer erzählte uns später, daß er in einem Jahr gleich zwei oder drei Manuskripte mit Ameisen-Astronauten auf den Tisch bekam. (Können Ameisen Kommunisten sein? – Gewiß doch. Und zwar absolut vorbildliche.) Wie froh war ich damals, wenn ich einen neuen Lem – etwa Eden (1971) – oder einen Strugazki in die Hände bekam. Dagegen beeindruckte mich die ausgewalzte Space Opera Menschen wie Götter (1972) von Sergej Snegow nicht. Die glitt mir zu sehr ins Märchenhafte ab. Ein dicker Ziegel von Buch, kräftiges Kolorit, massenhaft Außerirdische und viel, viel Action, meist ohne tieferen Sinn. Snegow war eindeutig seiner Zeit weit voraus. Jedenfalls wurde das Angebot breiter, und die Verlage veröffentlichten sogar die eine oder andere SF aus dem nicht-sozialistischen Ausland, einen Erzählungsband Die Liebe und die Schwerkraft (1970) von Pierre Boulle etwa mit der nicht ganz jugendfreien Schilderung von Schwierigkeiten, die sich bei der Kopulation unter Null-g gemäß actio = reactio ergeben. Dann gab Edwin Orthmann, Lektor im Verlag Neues Leben, den ersten von drei Sammelbänden mit »wissenschaftlich-phantastischen Erzählungen aus aller Welt« heraus. Neben Laßwitz und Wells waren in Der Diamantenmacher (1972) auch Lem und sogar Robert Sheckley zu finden. Die größte Entdeckung war für mich aber ein vornehm schwarzes Softcover-Bändchen in der literarisch anspruchsvollen Spektrum-Reihe: Raumschiff ahoi! Ich hatte das Glück, gleich 1969 ein Exemplar der Erstauflage zu ergattern: utopische Geschichten von amerikanischen Autoren. Clifford Simak, Harry Harrison, Robert Heinlein und andere waren da versammelt. In der zweiten Auflage, ein Jahr später, fehlte Heinleins völlig harmlose Erzählung »Nehmen Sie Platz, meine Herren!«, in der die Astronauten ein Meteoritenloch auf unkonventionelle Weise schließen. – Heinlein hatte sich in der Zwischenzeit als ein reaktionärer Scharfmacher und Militarist entpuppt, der den US-amerikanischen Krieg in Vietnam befürwortete. Aber das traf auf andere im Band vertretene Autoren auch zu. Lag die Verstümmelung vielleicht an der Höhe der in Devisen zu zahlenden Honorare? An Anregungen und literarischen Vorbildern für die einheimischen Autoren fehlte es also nicht. Und einige konnten einem internationalen Vergleich durchaus standhalten. Heiner Rank zählte zu ihnen, Rank, den ich als Krimiautor ignoriert hatte und der nicht nur mich 1973 mit seinem einzigen SF-Roman...