E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Schuh-Bücher
Streatfeild Reiseschuhe
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-646-92083-3
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Schuh-Bücher
ISBN: 978-3-646-92083-3
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Sebastian ist ein Wunderkind. Mit seinem Geigenspiel bezaubert er das Publikum und gibt ein Konzert nach dem anderen. Dann geht es sogar mit der ganzen Familie auf Tournee! Doch für seine Geschwister Myra, Wolfgang und Ettie ist bald klar: Sie wollen nicht mehr in Hotels wohnen, selbst wenn diese in Los Angeles, Moskau oder Venedig liegen - sie wollen wieder in ihr schönes altes Haus mit dem verwilderten Garten. Zeit für das 'Projekt Daheim'. Ob es ihnen gelingt, die ganze Familie wieder nach Hause zurückzubringen?
Noel Streatfeild, geboren 1895 in Sussex, England, war jahrelang als Schauspielerin tätig, bevor sie sich ganz ihrer zweiten Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Ihr erstes Kinderbuch »Ballettschuhe«, in das sie ihre Erlebnisse am Theater einfließen ließ, war gleich ein Riesenerfolg und wurde 1936 für die Carnegie Medal nominiert. Ein weiteres ihrer zahlreichen »Schuh-Bücher«, »Zirkusschuhe«, erhielt 1938 die Carnegie Medal. Bis heute zählt sie zu den beliebtesten Kinderbuchautoren der englischsprachigen Welt.
Weitere Infos & Material
1 Apple Bough – wie es war Wenn jemand von Apple Bough sprach, sahen sich die vier Kinder der Forums an und erinnerten sich. Denn Apple Bough in Essex, England, war früher ihr Zuhause gewesen. Die Kinder fanden, es war das perfekte Haus. Es hatte viele große Zimmer. Die Erwachsenen fanden, dass sie schäbig waren und schwierig zu putzen, aber für die Kinder waren sie wunderschön, denn alles, was darin war, gehörte ihnen. Apple Bough veränderte sich überhaupt nicht, und das war herrlich. Man konnte etwas, das einem gehörte, irgendwo hinlegen und niemand fasste es an. Die Bücher und Spielsachen, die keiner von ihrem Platz wegnahm, waren in der Erinnerung der Kinder zu etwas ganz Wunderbarem geworden, weil sie diese Dinge schon so lange nicht mehr gesehen hatten. Denn sie waren zusammen mit den Möbeln, Vorhängen und Teppichen, eigentlich fast allem außer den Kleidungsstücken eingelagert worden. »Und am ärgerlichsten ist«, sagte Myra, die Älteste, »dass man nicht an seine Sachen kommt, wenn man sie haben will.« »Das Schönste ist doch«, fügte Sebastian, der Zweitälteste, hinzu, »wenn man ein Haus betritt und einem nichts fremd ist – wenn alles genau da ist, wo man es erwartet.« Apple Bough hatte einen Garten, der in der Erinnerung der Kinder so groß war wie ein öffentlicher Park. Keiner in der Familie hatte Lust auf Gartenarbeit, deshalb war der Garten wild und aufregend. Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren, die niemand gepflanzt hatte, waren plötzlich unter anderen Sträuchern zu entdecken und trugen sogar Früchte. Wiesenblumen tauchten im Garten von Apple Bough auf und blühten herrlich – Schlüsselblumen auf dem Rasen, Primeln und eine wilde Narzissenart in der Einfahrt zwischen dem Unkraut. Heckenrosen wuchsen, wo in normalen Gärten richtige Rosenstöcke standen, und im Herbst sah der Garten aus, als ob er zugeschneit wäre, weil über alles Waldreben kletterten. Das Allerbeste an Apple Bough war jedoch, dass die Kinder dort einen Hund hatten. Er hieß Wedel – ein einfacher Name. »Aber«, erklärte Myra schnell, »wir mögen einfache Namen, weil unsere nicht so einfach sind.« Wedel gehörte Myra. Sie hatte ihn von einem Bauern geschenkt bekommen, als er noch ein Welpe war, aber er galt als Familienhund. Er hatte viel von einem Pudel, aber man vermutete, dass seine Großmutter väterlicherseits ein Dackel gewesen war, was erklärte, warum seine Beine außergewöhnlich kurz waren und sein Körper so lang. Aber da er nie wie die Pudel in der Stadt geschoren wurde, sah er nicht wie einer aus, aber auch die Dackelmerkmale fielen nicht weiter auf. Wedel zurücklassen zu müssen, als Apple Bough verkauft wurde, war schrecklich gewesen, und Myra bekam immer noch einen Kloß im Hals, wenn sie daran dachte. Auch wenn er zu Miss Popples Bruder kam, den er mochte, war Myra klar, dass Wedel begriff, was mit ihm passierte. Er ließ traurig den Schwanz hängen, und als er ihr zum letzten Mal das Gesicht ableckte, geschah es ohne Freude. Myra war, wie ihre Mutter sagte, »schon immer vernünftig« gewesen. Also machte sie kein Theater, als sie Wedel zurücklassen musste. Man hatte ihr ja erklärt, dass sich das Leben, das sie in Zukunft führen würden, für einen Hund nicht eignete. Bei Mr Popple würde es ihm gut gehen. Aber in Hotels, Wohnhäusern, auf Schiffen, in Zügen oder Flugzeugen stellte sie sich insgeheim vor, dass er auf ihren Knien saß oder auf ihrem Bett lag. Und dann wusste sie genau, dass es doch nicht stimmte. »Bei mir geht es dir besser, stimmt’s, Wedel? Das viele Herumreisen macht dir nichts aus, solange ich da bin, nicht?« Unterwegs spielten die Kinder ein Spiel, das sie »Erinnern« nannten. Obwohl sie Apple Bough verlassen hatten, als Myra neun war, Sebastian acht, Wolfgang sieben und Ethel erst fünf, erinnerten sie sich so genau, dass sie alles vor sich sahen. Auf einem Flug von New York nach San Francisco sagte Myra: »Ich erinnere mich an eine Fliese im Küchenfußboden, die locker war.« Es war, als ob sich eine Tür in den Köpfen der Kinder öffnete. Wolfgang, der sich halb auf Sebastian legte, als er sich über den Gang beugte, sagte: »Sie hatte sich angehoben. Ich habe den silbernen Knopf, den ich gefunden hatte, daruntergelegt.« Sebastian konnte die lose Fliese auch vor sich sehen. »Ich habe meinen Ring aus dem Plumpudding dort versteckt.« Ethel, die zwischen Sebastian und Myra saß, hopste auf ihrem Sitz herum. Sie redete schnell, damit ihr keiner widersprechen konnte. »Mein Sixpence! Ich hatte einen Sechser mit einem Loch drin – der ist auch dort!« Myra und Sebastian wechselten Blicke. Keiner wollte, dass Ethel sich ausgeschlossen fühlte, aber sie wussten, dass sie oft Dinge erfand, weil sie sich nicht erinnern konnte. »Ich glaube nicht, dass du mal einen Sixpence mit einem Loch hattest, Ettie«, sagte Sebastian. »Aber wir zählen es als Erinnern. Es geht schließlich nicht um Leben und Tod.« Myra blickte aus dem Fenster auf die Wolken, die wie ein riesiges Feld voll dicker Schafe unter ihnen lagen. Wäre es nicht toll, dachte sie, wenn es ein Gesetz gäbe, das vorschrieb, dass jedes Kind ein Zuhause brauchte? Und besonders schön wäre es, wenn es in dem Haus eine Küche mit einer lockeren Fliese im Fußboden geben müsste. Ein Kind wie Ettie ohne Zuhause aufwachsen zu lassen war eine große Verantwortung, denn man musste ihr als Ausgleich eine Menge durchgehen lassen. Myra wandte sich wieder ihren Geschwistern zu. »Ich habe meine Zauberbohne druntergelegt.« Eigentlich war Sebastian schuld daran, dass Apple Bough verkauft werden musste, denn seinetwegen waren sie ständig unterwegs. Früher, als die Familie noch in Apple Bough gewohnt hatte, war immer nur David, der Vater der Kinder, verreist. Er war Pianist, aber keiner, der allein spielte, sondern einer von denen, die Solisten begleiten. David hatte immer viel zu tun, denn er galt als einer der Besten im Land. Zum Glück fanden die meisten Konzerte in London statt, weshalb er viel Zeit in Apple Bough verbringen konnte. Nach den Konzerten kam er sehr spät nach Hause. Er fuhr mit dem klapprigen alten Ford der Familie, und Myra und Sebastian erinnerten sich, dass ihre Mutter dann immer zur Tür rannte und rief: »Wie war der Auftritt, Liebling?« Sie wussten auch noch, wie sehr sich ihre Mutter freute, wenn ihr Vater sicher zu Hause angekommen war, denn er war oft geistesabwesend, besonders nach Konzerten, und es kam durchaus vor, dass er zum falschen Haus oder sogar ins falsche Dorf fuhr. Bis sie den Ford kauften, war er tatsächlich oft mit dem Zug an ihrem Bahnhof vorbeigefahren. Als es dann mit der Familie auf Welttournee ging, wurde er noch zerstreuter. Ein geistesabwesender Elternteil ist ja eigentlich schon genug, aber die Forum-Kinder hatten zwei. Ihre Mutter Polly hatte sich mitten im Gesangsstudium befunden, als sie David kennengelernt und geheiratet hatte. Nach der Hochzeit gab sie ihr Studium auf, aber die Musik steckte immer noch tief in ihr drin, weshalb sie dazu neigte, sich, wie sie es ausdrückte, »hinreißen« zu lassen, wenn sie etwas besonders Schönes hörte. Obwohl die meisten Leute fanden, dass es genügte, sich um ein Haus und vier Kinder zu kümmern, hatte Polly etwas anderes im Sinn. Nachdem sie mit dem Gesangsstudium aufgehört hatte, brachte sie sich selbst das Malen bei. Zuerst malte sie nur zu ihrem Vergnügen, aber bald nahm die Arbeit sie so gefangen, dass sie ihr wichtiger wurde als das Hausfrauendasein. Wenn Künstlerinnen für ihre Geistesabwesenheit ausgezeichnet würden, hätte Polly den ersten Preis bekommen. Sowohl David als auch Polly stammten aus musikalischen Familien. Davids Vater war Pfarrer und Chorleiter. Seine Kirche war immer proppenvoll, denn außer aus seiner Heimatgemeinde kamen auch Leute von weit her, um seinen Chor singen zu hören. Seine Mutter war die Organistin, und eine sehr gute dazu. Pollys Vater machte beruflich »irgendwas mit Finanzen« – so nannten es die Leute –, aber sein Herz schlug für sein Hobby: die Kammermusik. Ihre Mutter war zu Jugendzeiten ein Star im örtlichen Amateurtheater gewesen, und auch nachdem sie Kinder bekommen hatte, hatte sie immer noch »ein bisschen geträllert«, wie sie sich ausdrückte. Bei so viel Musik in der Familie nahm man natürlich an, dass auch Pollys Kinder musikalisch waren und vielleicht nach dem Vater schlugen und Pianisten wurden. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wurden ihre Namen gewählt. Myra wurde nach der englischen Pianistin Myra Hess benannt. Sebastian nach Johann Sebastian Bach. Wolfgang nach Wolfgang Amadeus Mozart. Ethel nach der englischen Komponistin Ethel Smyth. Natürlich wurde Wolfgang nie mit seinem richtigen Namen gerufen, sondern Wolfie oder einfach nur Wolf. Auch Ethels Name wurde abgekürzt, denn zur Jüngsten der Familie passte doch so ein vornehmer Name gar nicht, und es wurde Ettie daraus. Noch bevor die Kinder laufen oder gar sprechen konnten, probierten David und Polly jeweils Verschiedenes aus, um herauszufinden, ob sie Musik mochten. David spielte Klavier, während Polly auf die Reaktionen der Kinder achtete. Sie legten auch Schallplatten auf und ließen eine alte Spieldose »Die letzte Rose« spielen. Jedes Kind war aufgeregt, als es die Melodien hörte – vielleicht, weil sie alle Musik im Blut hatten? Myra, die von Geburt an jeder Art von Musik fasziniert gelauscht hatte, brach in Tränen aus, sobald der Klavierdeckel zugeklappt, der Plattenspieler ausgeschaltet oder die Spieldose geschlossen wurde. Bevor Sebastian...