E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Wolf Die Märkte Alt-Wiens
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-903217-03-4
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte & Geschichten. Mit einem Vorwort von Bürgermeister Dr. Michael Häupl
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-903217-03-4
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helga Maria Wolf, Dr. phil, geboren 1951 in Wien, studierte Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte. Als langjährige Spartenleiterin im ORF gestaltete sie zahlreiche Radio- und TV-Sendungen zu kulturhistorischen Themen. In ihren Büchern beschäftigt sich die Autorin mit österreichischer Kultur, Geschichte und Bräuchen.
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, kündet die Inschrift auf einem deutschen Marktbrunnen. Seit Jahrhunderten haben die Menschen auf dem Markt Künstler inspiriert: Albrecht Dürer, der 1519 ein bäuerliches Marktgängerpaar malte, den Hamburger Bildhauer Pfeiffer, der den Straßenhändlerinnen auf dem Brunnen ein Denkmal gesetzt hat, Akademieprofessor Johann Christian Brand, den Schöpfer der Wiener Kaufrufe, ebenso wie Generationen von Reiseschriftstellern und Literaten.
In Wien ist »Frau Sopherl vom Naschmarkt« nahezu sprichwörtlich geworden. Ihr geistiger Vater war der humorvolle Schilderer des Wiener Lebens Vinzenz Chiavacci (1847–1916). Der Dichter und Chefredakteur ließ sie in einer Zeitungskolumne hunderte »lokalpolitische Standreden« halten. Die Themen waren keineswegs nur marktbezogen. Als »eine, die’s versteht« machte sie sich Gedanken über Mystisches und Influenza, Hebammen und Leichenverbrennung, Volkszählung und Fremdenverkehr und vieles andere, was Wien damals bewegte.
Für den Schriftsteller verkörperte »Frau Sophie Pimpernuß, von ihren Getreuen schlechtweg Frau Sopherl genannt«, den Idealtypus der Standlerin: » Die zu literarischen Ehren gekommene Obst- und Gemüsehändlerin und ihre lebenden Vorbilder erscheinen als starke Frauen, selbstständig und selbstbewusst. Im Vergleich zu anderen Händlerinnen, die bei Wind und Wetter ihre selbst herbeigeschleppten Waren zu verhökern hatten, war sie geradezu privilegiert. Ihr geistiger Vater nennt sie ».
Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert spielte sich ein großer Teil des Handels auf der Straße ab, stellte der Historiker Hubert Kaut fest. Er unterschied drei Berufsgruppen: Handwerker, Händler auf dem Markt und fahrende Händler. Die Werkstätten der Handwerker hatten selten ein Verkaufslokal. In Ermangelung eines Schaufensters präsentierten sie ihre Erzeugnisse auf Tischen und Bänken vor dem Geschäft und reichten die Waren den Kunden einfach durch die Tür oder das Fenster hinaus.1
In Jahrmarktshütten und bei Ständen auf den Wochenmärkten bot man Viktualien (»Lebensmittel und andere zur Führung des Haushalts erforderliche Waren«)2 und Gegenstände des täglichen Bedarfs an. Ludwig Berekoven zeichnete im Lehrbuch »Geschichte des deutschen Einzelhandels« eine Entwicklungslinie: »[auch die Ware selbst]. 3
Bauern als Marktzieher
Johann Pezzl (1756–1823) zählte zu den Reiseschriftstellern der Aufklärung, die Wien eine »Skizze« widmeten. Von 1786 bis 1790 erschienen fünf Hefte mit Beschreibungen »dieses in jedem Betracht merkwürdigen Platzes«, wobei Pezzl nicht nur Sitten und Zeitgeist kommentierte, sondern auch andere Schreiber kritisierte. So liest man über die »Konsumtion«: »4
Seit Jahrhunderten versorgten die Bauern der näheren und weiteren Umgebung die Städter mit Lebensmitteln. Auch die Bürger betrieben Landwirtschaft, aber meist nur Weinbau. Am Dienstag und am Samstag (seit 1578 auch am Freitag) konnten sie auf dem Wochenmarkt für die nächsten Tage Lebensmittel einkaufen.5 Die Marktordnungen bevorzugten das direkte Geschäft zwischen ländlichen Produzenten und städtischen Konsumenten.6 Streng reglementiert wie die Marktzeiten, Waren und Verkaufsplätze war die Frage, wer für wen produzieren durfte: Berufsgärtner zunächst nur für den Hof, Bauern für die Bürger.7 Von »freier Marktwirtschaft« war keine Spur. Außerdem standen verschiedene Interessengruppen einander unversöhnlich gegenüber: Bauern als Produzenten und Verkäufer, Zwischenhändler, Hausierer, ansässige zünftisch organisierte Kaufleute und Obrigkeiten, denen die »Wohlfeilheit« ein Anliegen war.
»8 So schildert das Ende des 19. Jahrhunderts erschienene »Kronprinzenwerk« die »Approvisionierung der Großstadt«.
Obst und Gemüse kam aus spezialisierten »Marktfahrergemeinden«. Groß-Engersdorf, Manhartsbrunn oder Pillichsdorf in der Wolkersdorfer Gegend (Bezirk Mistelbach, Niederösterreich) behielten diese Funktion bis weit ins 20. Jahrhundert bei. Ihnen hat der Volkskundler Werner Nachbagauer seine Dissertation gewidmet. So genannte Marktzieher, Bauern und Lastfuhrwerker, besorgten den Transport.9 Die Langenzersdorfer aus dem Bezirk Korneuburg (Niederösterreich) lieferten Früchte und landwirtschaftliche Produkte. Aus Nussdorf (Wien 19) kamen Milch, Obst und Gemüse.
»Buckelkörbler« reisten aus der Gegend von Mattersburg (Burgenland) an. Eine Approvisionierungs-Enquete in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts lobte »die so genannten Hernzen oder Wieser«: »10 Heanzen (Heinzen, Hienzen, Hinzen) nannte man die – im 11. und 12. Jahrhundert eingewanderten – deutschsprachigen Bewohner des südlichen und mittleren Burgenlandes und der Randgebiete des ungarischen Komitates Ödenburg (Sopron). »Heanzenland ist...




