E-Book, Deutsch, Band 2, 365 Seiten
Reihe: His Dark Materials
Pullman His Dark Materials 2: Das Magische Messer
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92032-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2 der unvergleichlichen Fantasy-Serie
E-Book, Deutsch, Band 2, 365 Seiten
Reihe: His Dark Materials
ISBN: 978-3-646-92032-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philip Pullman wurde 1946 in Norwich, England, geboren. Er wuchs in Zimbabwe und Wales auf. Viele Jahre arbeitete er als Lehrer, bevor er sich ganz auf das Schreiben konzentrierte. Mit der »His Dark Materials«-Trilogie wurde er weltweit bekannt. Sie wurde in über 40 Sprachen übersetzt und Pullman erhielt zahlreiche Preise, darunter den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis für sein Gesamtwerk. Er lebt in Oxford.
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Zwei
Unter Hexen
Die Hexe Serafina Pekkala, die Lyra und die anderen in der Versuchsstation Bolvangar gefangenen Kinder gerettet hatte und mit Lyra auf die Insel Svalbard geflogen war, machte sich große Sorgen.
Die atmosphärischen Turbulenzen, die Lord Asriels Flucht von seinem Exil auf Svalbard gefolgt waren, hatten sie und ihre Begleiterinnen von der Insel weg und kilometerweit auf das zugefrorene Meer hinausgeweht. Einigen Hexen war es gelungen, beim beschädigten Ballon des texanischen Aeronauten Lee Scoresby zu bleiben, doch Serafina selbst war hoch in jene Nebelbänke hinaufkatapultiert worden, die bald durch das Loch hereinquollen, das Lord Asriels Experiment in den Himmel gerissen hatte.
Als sie ihren Flug wieder unter Kontrolle hatte, galt ihr erster Gedanke Lyra. Sie wusste weder vom Zweikampf zwischen dem falschen Bärenkönig und dem richtigen, Iorek Byrnison, noch von Lyras späterem Schicksal.
Also begann sie nach ihr zu suchen. Begleitet von ihrem Dæmon, der Schneegans Kaisa, flog sie auf ihrem Kiefernzweig durch die goldfarbenen Wolken nach Svalbard zurück und noch weiter nach Süden und kreiste stundenlang unter einem Himmel, in dem seltsame Lichter und Schatten flackerten. An dem irritierenden Kribbeln auf ihrer Haut erkannte Serafina Pekkala, dass das Licht aus einer anderen Welt kam.
So verging einige Zeit. Dann sagte Kaisa: »Sieh dort! Der Dæmon einer Hexe, der sich verirrt hat …«
Serafina spähte durch die Wolkenbänke und sah in den von dunstigem Licht erfüllten Schluchten eine Seeschwalbe kreisen und klägliche Rufe ausstoßen. Sie machten eine Wende und flogen auf sie zu. Als die Seeschwalbe sie näher kommen sah, stieg sie alarmiert auf, doch Serafina Pekkala bedeutete ihr, dass sie als Freunde gekommen seien, worauf sie zu ihnen herunterkam.
»Von welchem Clan bist du?«, fragte Serafina Pekkala.
»Taymyr«, erwiderte die Seeschwalbe. »Meine Hexe wurde gefangen … Die anderen Hexen wurden weggejagt! Ich bin verloren …«
»Wer hat deine Hexe gefangen genommen?«
»Die Frau aus Bolvangar mit dem Affendæmon … Helft mir! Helft uns! Ich habe solche Angst!«
»War dein Clan mit den Kinderabschneidern verbündet?«
»Ja, bis wir herausfanden, was sie taten … Nach dem Kampf in Bolvangar wurden wir vertrieben, nur meine Hexe wurde gefangen … Man hat sie auf ein Schiff gebracht … Was soll ich tun? Sie ruft mich die ganze Zeit und ich kann sie nicht finden! Bitte helft mir doch!«
»Still«, sagte Kaisa, der Gänsedæmon. »Hört nach unten.«
Sie glitten tiefer und lauschten angespannt, und Serafina Pekkala konnte schon bald das vom Nebel gedämpfte Stampfen eines Gasmotors ausmachen.
»In einem Nebel wie diesem kann kein Schiff fahren«, sagte Kaisa. »Was ist das?«
»Es ist ein kleineres Fahrzeug«, sagte Serafina Pekkala, und noch während sie sprach, ertönte aus einer anderen Richtung ein neues Geräusch, ein sehr tiefes, durch Mark und Bein gehendes Dröhnen wie von einem gewaltigen Seeungeheuer, das aus den Tiefen des Meeres rief. Das Dröhnen hielt einige Sekunden an, dann endete es abrupt.
»Das Nebelhorn des Schiffes«, sagte Serafina Pekkala.
Sie kreisten über dem Wasser und suchten erneut nach dem Geräusch des Motors. Plötzlich war es wieder da, denn der Nebel schien weniger dichte Stellen zu haben, und sie konnten gerade noch außer Sichtweite aufsteigen, als durch die Schwaden feuchter Luft langsam eine Barkasse tuckerte. Die Dünung war schwerfällig und glatt, als weigere sich das Wasser, sich zu größeren Wellen aufzutürmen.
Sie näherten sich erneut, die Seeschwalbe dicht hinter der Hexe wie ein Kind hinter seiner Mutter, und beobachteten, wie der Steuermann den Kurs korrigierte, als das Nebelhorn wieder dröhnte. Am Bug brannte eine Lampe, doch drang ihr Schein nur wenige Meter durch den Nebel.
»Hast du nicht gesagt, es gebe immer noch einige Hexen, die diesen Leuten helfen?«, fragte Serafina Pekkala den verirrten Dæmon.
»Ich glaube es zumindest – einige abtrünnige Hexen aus Volgorsk –, es sei denn, sie sind auch geflohen. Was willst du tun? Hilfst du mir meine Hexe zu suchen?«
»Ja. Aber bleibe vorerst bei Kaisa.«
Serafina Pekkala flog zu der Barkasse hinunter, während die Dæmonen außer Sicht zurückblieben, und landete auf der Gillung gleich hinter dem Steuermann. Dessen Dæmon, eine Seemöwe, krächzte, und der Mann drehte sich um.
»Du hast dir aber Zeit gelassen«, sagte er. »Flieg voraus und lotse uns zur Backbordseite des Schiffes.«
Serafina Pekkala flog sofort wieder auf. Es hatte funktioniert: Offenbar arbeiteten immer noch einige Hexen für diese Leute, und der Mann hielt sie für eine davon. Backbord war links, erinnerte sie sich, und das Backbordlicht rot. Sie suchte den Nebel ab, bis sie kaum mehr als hundert Meter entfernt den dunstigen Schein der Lampe entdeckte. Sie flog zurück, bis sie wieder über der Barkasse stand, und rief dem Steuermann die Richtung zu. Er drosselte die Geschwindigkeit bis auf Schritttempo und brachte die Barkasse neben dem Fallreep zum Stehen, das knapp über dem Wasser endete. Er rief etwas, und ein Matrose warf von oben ein Seil herunter, und ein anderer hastete die Treppe hinab, um es an der Barkasse zu befestigen.
Serafina Pekkala flog zur Reling des Schiffes hinauf und zog sich in den Schatten zwischen den Rettungsbooten zurück. Sie konnte keine anderen Hexen sehen, aber die patrouillierten wahrscheinlich am Himmel. Kaisa würde wissen, was zu tun war.
Unten verließ ein Passagier die Barkasse und kletterte die Treppe hoch. Die Gestalt war in Pelze gehüllt, und eine Kapuze verbarg das Gesicht; doch als sie das Deck erreichte, schwang sich ein goldener Affendæmon gewandt auf die Reling und sah sich mit schwarzen, boshaft glitzernden Augen um. Serafina hielt den Atem an: Es war Mrs Coulter.
Ein dunkel gekleideter Mann eilte auf Deck, um sie zu begrüßen. Dabei sah er sich um, als erwarte er noch jemand anders.
»Lord Boreal –«, begann er.
Aber Mrs Coulter unterbrach ihn: »Er ist anderswohin weitergefahren. Haben sie mit der Folter schon begonnen?«
»Ja, Mrs Coulter, aber –«
»Ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen warten«, sagte sie scharf. »Gehorcht man mir denn nicht mehr? Vielleicht ist auf diesem Schiff mehr Disziplin nötig.«
Sie schob die Kapuze zurück, und Serafina Pekkala sah ihr Gesicht deutlich in dem gelben Licht: ein stolzes, leidenschaftliches und, in den Augen der Hexe, noch sehr junges Gesicht.
»Wo sind die anderen Hexen?«, wollte sie wissen.
Der Mann vom Schiff sagte: »Alle weg, Madame. In ihre Heimat geflohen.«
»Aber die Hexe, die die Barkasse hergelotst hat«, sagte Mrs Coulter, »wo ist sie?«
Serafina zuckte zusammen; offenbar hatte der Matrose auf der Barkasse nichts von der Flucht der Hexen gewusst. Der dunkel gekleidete Geistliche sah sich verwirrt um, doch Mrs Coulter war zu ungeduldig, und nach einem flüchtigen Blick nach oben und über das Deck schüttelte sie den Kopf und eilte mit ihrem Dæmon durch die offene Tür, aus der ein gelber Schein in den Nebel fiel. Der Mann folgte ihr.
Serafina Pekkala versuchte sich zu orientieren. Ihr Versteck lag hinter einem Lüftungsschacht auf dem schmalen Streifen zwischen der Reling und den Hauptaufbauten des Schiffes; auf derselben Höhe, unter der Brücke und dem Schornstein und nach vorne ausgerichtet, befand sich ein Salon, der auf drei Seiten richtige Fenster an Stelle von Bullaugen hatte. Dorthinein waren der Mann und die Frau gegangen. In dicken Balken schien das Licht aus den Fenstern auf die mit kleinen Tropfen besetzte Reling und beleuchtete schwach den Fockmast und die mit Segeltuch bedeckte Luke. Alles war klatschnass und begann zu gefrieren und zu erstarren. Niemand konnte Serafina hinter dem Schacht sehen, aber wenn sie selbst mehr sehen wollte, musste sie ihr Versteck verlassen.
Das war nicht günstig. Für die Flucht brauchte sie den Kiefernzweig, zum Kämpfen Messer und Bogen. Sie versteckte den Zweig hinter dem Lüftungsschacht und glitt über Deck, bis sie vor dem ersten Fenster stand. Es war vom Dunst beschlagen, und man konnte weder durchsehen, noch konnte Serafina dahinter Stimmen hören. Sie zog sich wieder in den Schatten zurück.
Eines konnte sie allerdings tun. Sie zögerte, weil es tollkühn war und zudem sehr anstrengend, doch schien es keine andere Wahl zu geben. Sie konnte mit einer Art Zauber erreichen, dass man sie nicht sah. Wirkliche Unsichtbarkeit war natürlich unmöglich, es handelte sich nur um einen geistigen Zauber, eine Art Selbstbescheidung, auf die sich die Person, die den Zauber bewirkte, so stark konzentrierte, dass sie zwar nicht unsichtbar wurde, aber andere sie einfach übersahen. Mit der richtigen Intensität aufrechterhalten, konnte man damit durch ein von Menschen bevölkertes Zimmer schreiten oder neben einem einsamen Reisenden hergehen, ohne gesehen zu werden.
Sie sammelte sich und konzentrierte ihre ganze Kraft darauf, ihre äußere Erscheinung so zu ändern, dass jede Aufmerksamkeit vollkommen davon abgelenkt wurde. Es dauerte eine Weile, bis sie dem Zauber vertraute. Dann machte sie eine Probe, indem sie ihr Versteck verließ und einem Matrosen in den Weg trat, der mit einer Werkzeugkiste über Deck kam. Er wich ihr aus, ohne sie anzusehen.
Sie war bereit. Sie ging zur Außentür des erleuchteten Salons und öffnete sie, doch der Raum war leer. Sie ließ die Tür angelehnt, um notfalls fliehen zu können, und öffnete eine Tür am anderen Ende des Raumes, hinter der eine Treppe...